Puppen in holländischer Tracht

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21. Mai, 2019 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Puppen in holländischer Tracht

Wer sich mit der Geschichte der Puppe beschäftigt, dem ist sicher schon eines aufgefallen: Wenn man original gekleidete Puppen aus der Jahrhundertwende findet, tragen diese auffallend häufig holländische Trachtenkleidung. Aber warum ist das so? Um das Rätsel dieser Frage zu lösen, geht PUPPEN  & Spielzeug-Autor Thomas Dahl verschiedenen Spuren nach und hat unterschiedliche Antworten und viele verschiedene Puppen gefunden.

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika und die Geschichte des niederländischen Königreichs sind eng miteinander verbunden. Das ist uns als Deutschen vielfach gar nicht so bewusst. Um das Phänomen der Beliebtheit Hollands in den USA zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang der Beziehung zurück. Bereits wenige Jahre nach dem die ersten englischen Siedler mit der ­Mayflower die nordamerikanische Küste erreicht und erste Besiedlungen gegründet hatten, folgten niederländische Kolonisten. 1626 kauften diese für nur 60 Gulden von Indianern eine Insel, die man heute unter dem Namen „Manhattan“ als Finanzzentrum der Vereinigten Staaten kennt. Von dieser Insel ausgehend gründeten diese Siedler eine große Kolonie, die im Norden vom heutigen New Hampshire bis an die südliche Küste von Maryland reichte. Im Zentrum lag die Hauptstadt „Neu-Amsterdam“ auf der angekauften Insel. Um den wirtschaftlichen Erfolg dieser neuen Besiedlung zu garantieren, wurde etwa 20 Jahre später Peter Stuyvesant zum Gouverneur ernannt. Zur Förderung des wirtschaftlichen Erfolgs achtete er streng auf die Einführung protestantischer Normen wie der Einhaltung der Sonntagsruhe und eines strikten Alkoholverbots.

Erbe

Nahezu 50 Jahre lang dominierten Niederländer und Wallonen diese neue Besiedlung, es wurde niederländisch gesprochen und flämisch-niederländische Traditionen gepflegt. 1664 kam es zu einem Konflikt mit dem Britischen Königreich, in dessen Verlauf die niederländischen Kolonisten kapitulierten und ihre Hauptstadt dem Bruder des englischen Königs, dem Herzog von York, übergaben. Zu dessen Ehren wurde die Stadt umbenannt in „New York“.

Doch das niederländische Erbe war nicht vergessen. 1776 erinnerten sich die Gründungsväter der Vereinigten Staaten ihrer holländischen Wurzeln und griffen für ihre Verfassung auf politische und rechtliche Prinzipien der Niederlande zurück. Immer wieder wurden im 19. Jahrhundert niederländische Siedler umworben, sich in Nordamerika niederzulassen. Ihre Kenntnisse bei der Urbarmachung von Ländereien unter schwierigen Rahmenbedingungen und ihre Erfahrung bei Agrar- und Wasserbau waren dabei besonders geschätzt. Mit dem Versprechen auf günstiges oder sogar kostenloses Land wurden bis in die 1920er-Jahre niederländische Bauern auch nach Kanada gelockt. Im kollektiven, amerikanischen Gedächtnis gibt es also nicht nur die bekannten englischen „Pilgrim Fathers“ sondern vor allem auch die Erinnerung an die erfolgreiche Lebens- und Arbeitsweise der bäuerlichen Siedler aus den Niederlanden, die man sehr gut an ihren ungewohnten Trachten, an den Stoffhauben und den Holzschuhen erkennen konnte.

Holländische Trachten

Bei den vielfältigen, amerikanischen Feiertagen tragen die Amerikaner heute noch gern Trachten – oder was sie dafür halten. Es sind nicht immer die Erwachsenen, die an solchen Anlässen in Kostümen die Paraden säumen, aber auf jeden Fall Kinder, die sich ja gern verkleiden. Besonders in holländischer Tracht mit den großen Holzschuhen und den ausladenden Stoffhauben wirken Kinder besonders niedlich. Da es sich bei den holländischen Immigranten um Protestanten handelte, wurde innerhalb der niederländischen Kolonien protestantische Strenge und Arbeitsethos großgeschrieben. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die holländische Tracht, die flämische Arbeitssamkeit und der Fleiß bis in die heutige Zeit als gesellschaftliches Vorbild erhalten hat. Die holländische Tracht als solche ist heute noch ein Symbol für diesen Lebensstil.

In den 1920er-Jahren, in denen man die Wirren des ersten Weltkriegs und die daraus entstehende, gesellschaftliche Depression überwinden wollte, beschäftigte man sich zur Ablenkung viel mit märchenhaften, folkloristischen und fröhlichen Traditionen. So wurde auch die holländische Tracht besonders für Kinder wiederentdeckt. Auf Porzellan-Service, als Nippesfiguren und ­Dekoration auf vielen Dingen des täglichen Gebrauchs und in der Werbung erschien auf einmal die holländische Tracht erneut und wird bis heute als nostalgisches ­Symbol gepflegt.

Export-Puppen

Die bekanntesten Produkte in holländischer Tracht sind die Puppen der Firma Käthe Kruse und Lenci. Aber bereits die Porzellanpuppenhersteller und eigentlich alle Thüringer Puppenfabrikanten produzierten für den amerikanischen Markt Puppen in holländischer Manier mit Holzschuhen. Für den amerikanischen Export war es für jeden Puppenhersteller wichtig, in ihrer Kollektion holländische Puppenkinder anzubieten. Es gab einfache Werfpuppen mit Pappköpfen und einem einfach geschnittenen Körper, hochwertige Porzellankopfpuppen namhafter Hersteller wie Simon & Halbig und natürlich die Hersteller von Puppen aus Stoff und Filz. Da sowohl Käthe Kruse als auch Lenci einen hohen Exportanteil in die USA hatten – Käthe Kruses erster Auftrag kam ja sogar von einem dortigen Händler – waren Puppen in unterschiedlichen, niederländischen Trachten ein Muss in der Kollektion. Diese Puppen waren ein beliebtes Spielzeug und sollten der nachwachsenden Generation den hohen Arbeitseifer der niederländisch stämmigen Siedler nahe bringen. Übrigens belieferten beide Firmen auch Spielzeughändler in den Niederlanden, diese orderten aber nur äußerst selten Puppen in der Tracht des eigenen Landes – höchstens für den Tourismus. Puppen in niederländischer Tracht wurden aber auch teilweise als eine Art Joint Venture in den Vereinigten Staaten selbst hergestellt. Beispielhaft dafür stehen Puppen der Firmen Horsman, Kamkins und Schoenhut oder der Firma Cameo, für die Inhaber Joseph L. Kallus von deutschen Firmen Köpfe nach seinen Entwürfen aus verschiedenen Materialien herstellen, diese dann in den USA montieren und beispielsweise in holländischen Trachten einkleiden ließ.

Ein ähnliches Phänomen zeigte sich in den 1950er-Jahren in Europa, besonders in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Auswirkungen wollte man neue Länder entdecken und der Deutsche verbrachte seinen Urlaub gern auch an der holländischen See. Häufig wurden als Urlaubssouvenir in den bereisten Ländern Trachtenpuppen erworben und im heimischen Wohn­zimmer ausgestellt. Puppen in holländischer Tracht zählten auch in hohem Maße dazu.

Holzschuhe

Und was ist davon geblieben? Geht man heute als Puppensammler auf einen niederländischen Flohmarkt, dann freut man sich, wenn man ein paar Holzschuhe für seine alten Puppen erhaschen kann. Man kann dann beobachten, wie sich die niederländischen Händler über die deutschen Sammler amüsieren, die diese Holzschuhe erwerben. Denn ganz anders als für die Amerikaner, ist für die Holländer der Holzschuh kein Statussymbol. Eigentlich war es ein Arbeitsschuh und wurde von der armen, eher ländlichen Bevölkerung getragen. In den feuchten, meist sumpfigen, holländischen Wiesen und in den mit Wasserläufen durchzogenen Besiedlungen ergab das Tragen dieser „Klompen“ genannten Schuhe Sinn. Die Schuhe drangen nicht so tief in die durchfeuchtete Erde ein und die Füße konnten trocken bleiben. Außerdem war Holz als Material für Schuhe wesentlich preiswerter als Leder. Wer sich als Tourist schon einmal diese Holzschuhe gekauft hat, um sie zu tragen, der weiß, wie unbequem, schwer und sogar schmerzhaft das Laufen in diesen ist. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Holzschuhe daher schnell vom wesentlich bequemeren Gummistiefel abgelöst. Der Holzschuh ist heute nur noch ein Accessoire zur Tracht und ein Souvenir für Touristen – aber immer noch ein Symbol für den Fleiß und den Arbeitseifer der ländlichen Bevölkerung in den Niederlanden.

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