PUPPEN & Spielzeug

2019-03-08 08:00:40

Schöner, fremder Mann

Ausgabe 02/19

Auf einer Börse entdeckt: unbekannter Porzellanmann

Inzwischen sind die Gelegenheiten, sich als Puppensammler auf Börsen auszutauschen und neue Schätze zu entdecken, weniger geworden. Umso größer ist dann die Freude, wenn man auch auf kleinen Börsen immer wieder von Unbekanntem überrascht wird. So wie bei diesem eindrucksvollen Monsieur geschehen. PUPPEN & Spielzeug-Autorin Sabine Reinelt traf „Mister X“ auf einer Puppenbörse bei Fifi Kramer. Was es mit dem fremden Mann aus Porzellan auf sich hat, berichtet sie in dieser Ausgabe.

Ein wenig streng, ernst, aber nicht böse schaut der Mann unter seiner Baskenmütze hervor. Der Kopf ist intensiv modelliert, mit Denkfalten auf der Stirn, kräftig hervorgehobenen, etwas zusammengezogenen, fedrig gemalten Augenbrauen, gemalten braunen Augen, einer schmalen langen Nase und einem sensibel wirkenden Mund. Die Wangenpartie ist die eines Mannes in den mittleren Jahren, mit Nasolabialfalte. Das Kinn ist gespalten und ebenfalls sehr naturalistisch gestaltet. Besonders spannend aber ist die Frisur: Der Mann trägt einen modellierten Haarkranz und eine Halbglatze.

Eine wirkliche „Platte“

Na ja, eigentlich ist es mehr als eine Halb- und eher eine Dreiviertelglatze. Diese versteckt er allerdings unter besagter Baskenmütze. Diese Baskenmütze verdeckt allerdings mehr, als nur die fehlende Haarpracht. Sie verdeckt auch die fehlende Kopfrundung. Die Kopfform ist oben abgeplattet und durch zwei Löcher werden die Gummis gezogen, mit denen Beine, Arme, Rumpf und der Kopf verbunden sind. Offensichtlich war bei Entwurf und Fertigung dieser Figur von Anfang an geplant, dass sie mit ihrer Kleidung fest verbunden werden sollte und nicht zum Aus- und Anziehen gedacht war. Die Kleidung – im Stil eines französischen Küstenbewohners – wurde deshalb auch fest an den Körper genäht.

Der Körper der knapp 30 Zentimeter großen Figur besteht aus einer Kork-Masse, wie sie häufig von der französischen Puppenindustrie für Puppenkörper verwendet wurde – im Gegensatz zur deutschen Fertigung, die auf einer Mischmasse auf Papier- beziehungsweise Pappmasse-Grundlage beruhte – und ist ein einfacher Stehkörper mit geraden, gelenklosen Armen und Beinen.

Rätselhafte Herkunft

Aber woher kommt dieses kleine Gesamtkunstwerk? Es gibt keine Firmenmarkierung auf dem Porzellankopf. Die Qualität des Porzellans ist perfekt. Auch die Eintönung des Porzellans und ganz besonders die Bemalung sind exzellent. Dieser Kopf wurde nicht von „Irgendwem“ produziert, sondern ohne Zweifel von einer Firma, die Puppenköpfe von höchster Qualität herstellte. Es war keine Abbildung oder Beschreibung einer vergleichbaren Puppe in der Literatur zu finden. Ein wenig Ähnlichkeit besteht zu einer Soldatenfigur, die kürzlich bei Theriault’s versteigert wurde. Dieser Kopf wurde von einer belgischen Designerin namens Jeanne van Rozen entworfen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, woher diese Puppe stammt. Zum einen kann sie in Frankreich – zum Beispiel von der Firma Limoges – produziert worden sein. Dann würde sie in die Reihe der ausgeprägten Charakterköpfe gehören, die gelegentlich als Einzelstücke auf Auktionen auftauchen und als französische Puppen gelten. Allerdings haben diese Exemplare in der Regel nicht so einfach gehaltene Körper und sind etwas größer. Aber allesamt fallen sie durch ihre außergewöhnliche Modellierung auf.

Exzellente Arbeit

Aber es ist auch denkbar, dass die Firma Simon & Halbig den hier gezeigten Kopf hergestellt hat. Die Qualität ist vergleichbar mit der der intensiv modellierten Charakterköpfe aus Gräfenhain mit den Halsmarken 1307, 1308 und vor allem 1303. Dieser Kopf wurde vermutlich in Thüringen für den französischen Markt gefertigt, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts häufig praktiziert wurde. In Frankreich wurde er dann auf den Körper montiert und eingekleidet.

Wer auch immer diesen Männerkopf modelliert hat, er ist definitiv außerordentlich rar. Derartig ausgeprägte Gesichter, die erwachsene Typen darstellten, wurden nur in kleinen Stückzahlen hergestellt, da sie sich mehr zur Dekoration für die Erwachsenen eigneten und weniger dem üblichen Spielzeug-Geschmack entsprachen. Das mag wohl auch der Grund sein, weshalb dieser fremde Mann, der seinen 100-jährigen Geburtstag schon weit hinter sich gelassen hat, in solch einem nahezu perfekten Zustand ist.

URL:
http://puppen-und-spielzeug.de/?p=12132

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Sabine Reinelt

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