PUPPEN & Spielzeug

2018-07-14 09:24:27

Oral History

Ausgabe 04/18

„Villa Puppenheim“ – eine Spurensuche in Ulm

Wer sich für längst vergangene Zeiten interessiert, der kann viele Stunden in Archiven verbringen oder sich die enormen Möglichkeiten des Internets zunutze machen. Eine besonders faszinierende Spielart der Geschichtswissenschaft ist zudem die so genannte „Oral History”, die auf Gesprächen mit Zeitzeugen beruht. Ein Lehrstück für die Effektivität dieser Methodik erlebte PUPPEN & Spielzeug-Autorin Swantje Köhler bei den Recherchen zur „Villa Puppenheim“ der Ulmer Holz- und Spielwaren-Werkstätten – E. Hillenbrands Erben.

Manchmal gibt es verschlungene Wege, um die Nachkommen von längst vergessenen Puppenhausfabrikanten aufzuspüren. Angefangen hat die aktuelle Spurensuche mit dem Anruf einer Berliner Freundin, die gerade ein Puppenhaus ersteigert hatte, das in München abgeholt werden musste. Sie zeigte mir ein Bild und ich wusste sofort, dass es die bekannte „Villa Puppenheim“ der Firma „Ulmer Holz- und Spielwaren-Werkstätten – E. Hillenbrands Erben“ aus dem „Universal Spielwarenkatalog“ des Großhändlers John Heß aus Hamburg war, von dem ich ein Reprint im Regal stehen habe. Ich sagte sofort zu, es mit ihr zusammen abzuholen und wartete gespannt auf ihren Besuch.

Besonderer Moment

Sie hatte alles schon perfekt mit der vorherigen Besitzerin arrangiert und so trafen wir uns beide ganz aufgeregt am frühen Morgen, denn sie wollte im Anschluss an den Termin gleich zurück nach Berlin reisen. Der erste Blick auf das Puppenhaus war fantastisch. Es war einfach riesig und – bis auf eine Tapete, die die Besitzerin als Kind neu geklebt hatte – alles original. Nichts überstrichen, nichts ergänzt, nichts modernisiert. Alles voller Zeitgeist und Atmosphäre, wie wir Sammler es so lieben. Es waren auch jede Menge Möbel dabei, die aber nicht ursprünglich mit dem Haus verkauft worden waren. Wir packten zusammen mit der früheren Besitzerin alles sorgfältig ein und trugen es zu Dritt besonders vorsichtig zum Auto. Zum Glück wartete noch ein junger tatkräftiger Mitfahrer im Auto, der uns das Haus halten konnte, als wir versuchten, es in den Kofferraum zu schieben, was erst nach langem hin und her gelang. Und so kam das Haus nun nach Berlin, wo es irgendwann, wenn wir Räumlichkeiten gefunden haben, in unserem neu zu gründenden Spielzeugmuseum glänzen wird.

Wieder zu Haus wühlte ich in meinem Archiv, um noch mehr Informationen über die Firma „Ulmer Holz- und Spielwaren Werkstätten – E. Hillenbrands Erben“ herauszufinden, als man sie in meinem „Lexikon der Puppenstuben“ finden kann. Damals, als ich das Lexikon erarbeitete, hatte man fast keine anderen Möglichkeiten, als per Brief an alle Einwohnermeldeämter und Stadtarchive zu schreiben, um an irgendwelche Firmendaten zu kommen. Inzwischen ist alles so viel einfacher geworden. Ich durchforstete das Internet und stieß bei dem Namen „Hillenbrand“ auf einen Artikel über einen Vater, der Architektur studiert hatte und dann nur wenige Jahre lang eine Spielwarenfabrik in einer alten Ziegelei in Ulm geleitet hatte. Von einer Ziegelei wusste ich bereits durch Informationen aus dem Stadtarchiv Ulm. Geschrieben worden war der Artikel von seinem Sohn. Da hatte ich endlich die Spur, nach der ich suchte. Die Adresse herauszufinden und ihm dann einen Brief zu schreiben, war schnell gemacht.

Zeitzeugen

Die Antwort per E-Mail ließ nicht lange auf sich warten und im Anhang befanden sich sogar schon einige Katalogabbildungen. Dass diese mit dem Namen Rötter & Co gestempelt waren, verwunderte mich nicht. Denn mir war bekannt, dass das Unternehmen Hillenbrands aus dieser Firma hervorgegangen war. Es entstand eine nette Korrespondenz und es stellte sich heraus, dass der ältere Herr eine noch ältere Schwester hatte, die viele wertvolle Erinnerungen an die elterliche Holzspielwarenfabrik hatte. Auf meine zögerliche Anfrage, ob ich denn die Beiden in Ulm besuchen könnte, folgte eine sehr freundliche Einladung. Und einige Zeit darauf saß ich bereits im Zug nach Ulm.

Das nette Häuschen im winterlichen Garten war schnell gefunden und so saß ich bald beim gemütlichen Kaffeetrinken neben einer alten Dame, die voller Hingabe und ausgesprochen kenntnisreich von den vergangenen Zeiten plauderte. Sie hatte selbst ein kleines Büchlein über ihre Kindheit geschrieben, aus dem sie mir und ihrem Bruder einen Ausschnitt vorlas. Während sie so las, konnte sich mein Blick nur schwer von all den ererbten Biedermeier-Möbeln losreißen, die noch vom Urgroßvater, dem Ziegeleibesitzer und aus der weiteren Familie stammten. Es war eine Idylle, die mich an die Romane von Adalbert Stifter erinnerte. All das versprühte das besondere Flair der einstigen Fabrikantenvilla ein paar Straßen weiter, die heute jedoch eine Gastwirtschaft ist. Von hier ging der Vater meiner beiden Zeitzeugen jeden Tag in die Fabrik, in der herrliche Puppenhäuser, Puppenstuben und -möbel hergestellt wurden.

Teilhaberschaft

Ich erfuhr, dass die Fabrik ursprünglich dem Schreinermeister Otto Rötter gehört hatte. Dieser hatte wiederum zuvor die Fabrik von Ernst Goldmann geleitet, die in Sammlerkreisen vor allem für besonders hochwertig gearbeitete Puppenmöbel und plüschige Polstersessel mit ihren charakteristischen Borten bekannt ist. Als Herr Goldmann aus unbekannten Gründen in die USA auswanderte, übernahm Herr Rötter die Firma und suchte nach neuen Räumlichkeiten dafür. Zu dieser Zeit war der Großvater der Geschwister gestorben und die Ziegelei bereits teilweise abgerissen. Die stehengebliebenen Räume sollten vermietet werden. In diese zog Herr Rötter mit seiner Fabrik ein und setzte die Produktion der Firma Goldmann fort. Die Söhne des Ziegeleibesitzers Arthur und Fritz Hillenbrand traten am 4. Dezember 1919 als Teilhaber mit in die neue Firma ein, die sich jetzt „Rötter & Co“ nannte.

Otto Rötter war zwar ein anerkannter Schreiner, aber leider kein guter Geschäftsmann und kam schnell in Geldnöte. So schlug er dem Vater meiner Gastgeber und dessen Bruder vor, die ganze Fabrik für den Preis von 10.000 Mark zu übernehmen. Nach langen Gesprächen innerhalb der Familie und vielleicht schließlich entschieden durch den Zuspruch der Frau von Fritz ­Hillenbrand, die von der Idee, Puppenmöbel und Kasperltheater zu fabrizieren begeistert war, kauften die Brüder Arthur und Fritz Hillenbrand 1924 die Firma und nannten sie „Ulmer Holz- und Spielwaren Werkstätten – E. Hillenbrands Erben“. Mit „E“ war der Gründer der Ziegelei gemeint. Sie gingen mit Feuereifer an die Arbeit, verbreiteten Produktfotos mit Anzeigen in Fachmagazinen und nahmen Kontakt mit dem Großhändler Heß in Hamburg auf, der ihnen zwei Seiten seines Katalogs zur Werbung gab. In dem Fachmagazin „Deutsche Spielwarenzeitung “ konnte man 1924 folgende lobenden Worte über die neue Firma lesen: „Auch Puppenhäuser werden besonders erstklassig hergestellt, solche mit vielen Zimmern und allem Komfort der Neuzeit, wie Lift, Speisenaufzug usw.“ Doch die Spielwaren waren zu aufwändig in der Herstellung und daher wenig rentabel. Dazu kamen die schwierigen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Weltwirtschaftskrise und galoppierender Inflation. Bis 1928 kämpfte man um den Erhalt des Betriebs, musste dann jedoch aufgeben. Die ehemaligen Fabrikgebäude sind inzwischen vermietet, die Puppenhäuser in alle Welt verstreut – eins steht jetzt in Berlin.

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Swantje Khler

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