PUPPEN & Spielzeug

2018-06-08 13:30:58

Turiner Kinder

Ausgabe 03/18

Frühlingshafte Lenci-Puppen

Deutschland war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts das Spielzeug- und Puppenland schlechthin. Aber natürlich haben auch andere Länder hübsche Puppenkinder. Nehmen wir nur Italien. Zwar ist „Bella Italia” nicht unbedingt als Hochburg der Puppenherstellung bekannt, aber keine Regel ohne Ausnahme: Die Turiner Firma Lenci stellte Filzkinder in den verschiedensten Varianten her. Und das so erfolgreich, dass man sich in Deutschland sogar gegen die Konkurrenz aus Südeuropa abzuschotten versuchte.

Es gibt keinen anderen Puppenproduzenten mit einem so großen und vielfältigen Sortiment, das in so kurzer Zeit hergestellt wurde, wie Lenci aus Turin. Das war wirtschaftlich zwar kein wirkliches Erfolgsrezept, aber es war pure Leidenschaft. Leidenschaft für Formen und Farben und für ein buntes Leben. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Deutschland schottete sich besorgt gegen die dekorativen Filzpuppen ab – schließlich sollten inländische Waren gekauft werden. Jede Puppe, die aus Italien nach Deutschland eingeführt werden sollte, wurde mit Zöllen belastet und musste zudem auch doppelt verpackt werden. Nicht nur in einem stabilen Umkarton um den eigentlichen Firmenkarton, sondern zusätzlich in einer vernagelten (!) Holzkiste. Das machte jedes Püppchen unverhältnismäßig teuer und führte dazu, dass in der Folge nur noch wenige Puppenkinder nach Deutschland einreisten. Stattdessen floss ein breiter Strom von bunten Filzgestalten in das diesbezüglich damals weniger protektionistische Amerika. Die hübschen Turiner Gestalten trafen in den USA den Geschmack von Groß und Klein und so mancher Filmstar ließ sich gern mit Lenci-Figuren abbilden.

Nicht brav genug

Es waren allerdings bestimmt nicht nur die hohen Zollschranken, die den kleinen Italienern das Überqueren der Alpen schwer machte. Auch der Geschmack war in Deutschland in den 1920er- und 1930er-Jahren wohl etwas anders, nicht ganz so farbenfreudig, eher ein wenig biederer. Witz und Charme der italienischen Puppen passten nicht so richtig zum damaligen Mainstream in Deutschland, wo man sich gerade anschickte, rotwangige Mädel mit Zöpfen und Dirndl auf ein braves Familienleben vorzubereiten. Die niedlichen Puppen der Lenci-Maskotte-Serien, der (häufigen) 111er-, der (selteneren) 450er- und der 900-Serie, um die es an dieser Stelle gehen soll, passten da offenkundig weniger zum Zeitgeist.

Als dann in den 1970er-Jahren die alten Puppen aus den Vorkriegszeiten wie kostbare Schätze wiederentdeckt wurden, kannte fast niemand (mehr) die Filzpuppen aus Turin. Es dauerte Jahrzehnte und viele Puppenbörsen, bis sie langsam ein wenig bekannter wurden. Inzwischen haben sie sich aber ihren wohlverdienten Platz in den Sammlerherzen erobert. Die Maskotte-Figürchen sind in der Regel 22 Zentimeter groß, seltener gab es auch kleine 18-Zentimeter-Püppchen. Diese Serie war weniger zum Spielen als zur Dekoration bestimmt und hatte oft eine kleine Schlinge, um im Auto aufgehängt zu werden. Die Figuren sind verkleinerte Ausführungen großer Serien. So zum Beispiel der Trachtenserien, von Grugnettos, von Spielpuppen und witzigen Figuren. Diese kleinen Gesellen sind nicht vor Mitte der 1930er- bis weit in die 1940er- und vermutlich auch 1950er-Jahre produziert worden.

Sammlerlieblinge

Anders sieht es mit den sehr beliebten kleinen 111ern aus, die später mit dem Buchstaben „N“ gekennzeichnet wurden. Diese Puppen zählen zu den ersten Serien, die um 1920 vorgestellt wurden. Die frühen Exemplare haben lustige „Punkt-Augenbrauen“, Patschehändchen und sind ein wenig rundlicher als ihre jüngeren Geschwister. Der Rumpf, hohl und aus gepresstem Papiermaché, hat mit Scheibengelenken verbundene Beinchen, die festes Stehen erlauben. Die Arme, wie die Beine aus Filz, enden anfangs noch in Händen, die einfach gearbeitet sind, die Daumen separat und die vier Finger zusammen in einem Stück. Später dann entsteht die typische Lenci-Hand: Ring- und Mittelfinger wurden zusammengenäht, die anderen Finger blieben einzeln stehen.

Etwas später – wohl in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre – kam dann die Serie „450“ dazu. Von gleicher Größe wie die „111“ und dieser insgesamt sehr ähnlich, das Gesichtchen ein wenig klarer, moderner. Gleichzeitig erschien die Serie „900“ mit „Schlenker-Beinen“. Diese Puppe konnte zwar nicht stehen, dafür aber schön entspannt sitzen. Diese drei Serien waren sicher bei den Kindern besonders beliebt, da sie sehr handlich sind und einen besonders lieben Gesichtsausdruck haben. Das Einmalige aber an den Lenci-Puppen ist ihre sehr aufwändig und farbenfroh gestaltete Kleidung. Im Gegensatz zu Porzellan-, Zelluloid- und Stoffpuppen ist die Lenci-Puppe ein Gesamtkunstwerk: ihr wirklicher Wert entsteht erst durch das Zusammenwirken aus Puppe und Kleidung. Hier hilft kein Nachnähen, kein Ersatz. Eine Lenci-Puppe ist nur sammelwürdig und wertvoll mit ihrer Original-Kleidung. Wenn sie aber in Ihrer schicken Ausstattung erhalten ist und auch von gefräßigen Motten verschont blieb, dann ist so eine Lenci wie ein buntes fröhliches Bild, das mediterrane Lebensfreude in jedes Sammlerzimmer bringt – und das im zarten Alter von rund 90 Jahren.

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TEXT
Sabine Reinelt

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