PUPPEN & Spielzeug

2018-01-05 08:00:46

Momentaufnahmen

Ausgabe 01/18

Glanzzeit des Impressionismus und der Parisiennes

Paris zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist ein Ort großer gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und künstlerischer Entwicklungen. Im Zentrum steht der französische Maler Edouard Manet (1832-1883), der als der Begründer des Impressionismus gilt. Ihm widmet das Von der Heydt-Museum in Wuppertal eine Sonderausstellung, die noch bis zum 25. Februar 2018 zu sehen ist.

Die Epoche des Zweiten Kaiserreichs in Frankreich zwischen 1852 und 1870 bringt den Impressionismus ebenso hervor wie die Blütezeit der Parisiennes, ein Puppen-Genre, das untrennbar mit jener Zeit und jenem Ort verbunden ist.

Historisches

Das Paris des Zweiten Kaiserreichs ist eine wachsende, brodelnde, sich wandelnde Stadt. Kaiser Napoleon III. lässt die Stadt radikal modernisieren. Er ernennt und beauftragt den Präfekten Georges-Eugène Haussmann, um aus der bis dahin mittelalterlichen Stadt mit engen Gassen und schiefen Häusern eine moderne Metropole zu machen. Er erfindet Paris neu: breite Boulevards und schicke Wohnhäuser für die wachsende bürgerliche Oberschicht entstehen entlang der Seine. Zahlreiche Ortschaften werden eingemeindet. Das Schienennetz wird ebenfalls ausgebaut und ein Industriegürtel siedelt sich rund um die französische Hauptstadt an.

Frankreich hinkt der wirtschaftlichen Entwicklung in England und Deutschland hinterher und fürchtet um weitere Aufstände, die das Land seit der Französischen Revolution 1789 immer wieder erschüttert haben. Die strikte Hand Napoleons III. wirkt dem allerdings entgegen und sorgt für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Damit einher geht eine blühende kulturelle und künstlerische Entwicklung. Das mondäne und großbürgerliche Ambiente bildet die Kulisse sowohl für Edouard Manets großstädtische Motive als auch für die Luxuspuppen.

Stadt des Malers

Der Louvre ist bereits im 19. Jahrhundert ein berühmtes Museum. Von den ausgestellten Werken fühlt sich der 12-jährige Edouard Manet angezogen, der mit seinem Onkel regelmäßig herkommt. Ihn faszinieren die Gemälde der alten Meister, und ab 1850 lässt sich der junge Mann, dessen Berufswunsch es ist, Maler zu werden, in das Kopistenregister eintragen. Nun findet man ihn häufig mit Staffelei und Zeichenblock vor einzelnen Gemälden, die er genauestens studiert und kopiert.

Manet stammt aus wohlhabendem Haus – seine Mutter ist die Patentochter des schwedischen Kronprinzen Charles Bernadotte und sein Vater ist ein hoher Beamter im Justizministerium. Zeit seines Lebens kennt er keine finanziellen Sorgen, verkehrt in den besten Kreisen und kann es sich leisten, das neue Paris als Flaneur zu durchstreifen. Das Spazieren durch die schönen Boulevards ermöglicht es ihm, seine Blicke schweifen zu lassen und seine Motive zu erfassen: Porträts von Männern und Frauen in der Großstadt, Künstlerfreunde oder Szenen, deren zufälligen Charakter er gekonnt einfängt.

Die Damen in ausladenden, teuren Garderoben sind teilweise Vertreterinnen der großbürgerlichen Schicht, teilweise aus dem Künstlermilieu, teilweise aber auch Edelprostituierte, deren Berufsstand in der Metropole ebenfalls floriert. In seinen Gemälden wird auch sichtbar, was das neue Paris ausmacht: dampfende Eisenbahnen und metallene Brücken ebenso wie die Freizeitvergnügungen der Bourgeoisie: kostspielige Pferderennen, kurzweilige Cafébesuche, gesellige Picknicks im Park oder entspanntes Krocketspiel im Stadtgarten. Wer sich solch einen Lebenswandel erlauben kann, hat die nötigen finanziellen Mittel, um sich angemessen zu kleiden.

Stadt der Parisiennes

In Paris – gefeierte Modehauptstadt – bricht in dieser Phase die Blütezeit der Modepuppen an, der „Parisiennes“. Sie sind weniger Spielpuppen, sondern Damen für die Damen. Im Ursprung dienten sie dazu, gleich einer Schaufensterpuppe, die neueste Pariser Mode zu repräsentieren. Wurden bis Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts oft Puppenköpfe aus Papiermaché aus Deutschland bezogen, bildet sich in Paris nun eine eigene Industrie für die Produktion von Porzellanköpfen aus.

Die Puppenkörper bestehen traditionellerweise aus Ziegenleder, das besonders weich und gut zu verarbeiten ist. Im Zweiten Kaiserreich explodiert die Zahl der Patente für neue Puppenkörper geradezu. Ziel ist es, die Körper so zu gestalten, dass sie zugleich bruchfest und in den Gelenken beweglich sind. Die Puppen sollen eine möglichst natürliche Haltung einnehmen, um die kostbare Garderobe bestmöglich zu präsentieren. Es wird mit Papiermaché, Metall, Gutta-Percha (der eingetrocknete Milchsaft des im malaiischen Raum heimischen Guttaperchabaumes), Holz und weiterhin mit Leder experimentiert.

Die meisten Puppenhersteller gruppieren sich am Stadtrand von Paris in wenigen Straßenzügen – jeder kennt jeden und schaut, welche Erfindungen und Neuerungen die Konkurrenz hervorbringt. Im Vergleich zur Puppenindustrie in Deutschland, die sich im ländlichen Thüringen aus der Porzellan-, Holz- und Papiermachéfertigung entwickelt, hat sich die Puppenherstellung in Frankreich direkt im Macht- und Modezentrum Paris gebildet. Die Parisiennes sind ein Spiegelbild der großbürgerlichen Damen, wie Edouard Manet sie in zahlreichen Porträts darstellt.

Die Salons

Edouard Manet wird mit seinen Teilnahmen an den „Salons“ in den 1860er-Jahren berühmt. Die „Salons“ sind Ausstellungen, die die Académie des Beaux-Arts, die Akademie der schönen Künste, jährlich ausrichtet. Mit seinem Malstil sorgt Manet jedoch auch für Skandale und des öfteren werden seine Gemälde von der Jury, die die Bilder für die „Salons“ auswählt, abgelehnt. Unter Sammlern antiker französischer Puppen sind jedoch einige von Manets Landsleuten fast genauso berühmt oder zumindest bekannt, da ihre Biografien weniger gut belegt sind. Von der aufstrebenden Puppenindustrie profitiert vor allem der junge François Gaultier (geboren 1837).

Porzellan spielt in seinem Leben eine bedeutende Rolle: Sein Vater ist Porzellanarbeiter, er selber heiratet 1857 als Zwanzigjähriger Louise Elisabeth Pilorge, deren Vater Inhaber einer Porzellanmanufaktur in Charenton, östlich von Paris ist. 1866 übernimmt Gaultier dessen Firma, baut sie aus und spezialisiert sich auf Puppenteile: Bis zum Jahr 1881, das belegt seine Inventarliste, beliefert er über 50 französische Puppenhersteller mit Köpfen, Armen und Beinen aus Biskuitporzellan, darunter so bekannte Firmen wie beispielsweise Jumeau, Barrois, Thuillier, Rabery & Delphieu. Er tritt auch selber als Puppenfabrikant mit seinen Parisiennes in Erscheinung. Bei den Weltausstellungen 1878 in Paris, 1883 in Amsterdam, 1884 in Nizza und 1885 in Antwerpen werden seine Puppen mit Medaillen ausgezeichnet. Später übernehmen seine Söhne das Geschäft, das schließlich 1899 in die Societé Française des Bébés et Jouets (SFBJ) aufgeht.

Manets Bilder und Gaultiers Puppen verkörpern den großzügigen Charme, den man mit Paris auch heute noch in Verbindung bringt. Sie konnten so nur an jenem Ort zu jener Zeit entstehen und lassen den Betrachter beim Gang ins Museum ein wenig an dem Glanz und der Pracht ihrer Epoche teilhaben.

Sonderausstellung

Manets Verhältnis zu Politik, Weltanschauung und Gesellschaft im Frankreich des 19. Jahrhunderts steht im Zentrum der Ausstellung. Der Überblick über sein Werk umfasst seine spanische Phase, seine Triumphe ebenso wie Skandale, Stillleben, Seefahrtmotive, Porträts sowie seine politischen Haltungen. Seine Bildkompositionen waren wegweisend und machten ihn zu einem Künstler, der Bahnbrechendes für die Malerei geleistet hat und nachfolgende Künstlergenerationen bis heute inspiriert. Der Impressionismus als Stilrichtung stellt einen Bruch mit der akademischen Lehrmeinung dar, die Bilder sind als Momentaufnahme konzipiert, wie zufällig gewählte Motive. Neu ist auch die Freiluftmalerei und der Umgang mit Licht und Farben. Alle Informationen dazu gibt es unter www.von-der-heydt-museum.de

URL:
http://puppen-und-spielzeug.de/?p=11625

TEXT
Ruth Ndouop-Kalajian

© PUPPEN & Spielzeug 2012
Alle Rechte vorbehalten