PUPPEN & Spielzeug

2017-07-13 14:43:10

Faszinierende Vielfalt

Ausgabe 04/17

Die Puppenwelt Ecuadors

Das südamerikanische Land Ecuador trägt seinen Namen nicht von ungefähr. Denn seine Hauptstadt Quito liegt genau auf dem Äquator. Ecuador gehörte einst zum Inka-Reich und gelangte wie seine Nachbarstaaten im 16. Jahrhundert unter spanische Herrschaft. Die Kombination zweier Welten zeigt sich auch in den heute erhältlichen Souvenirpuppen.

Mit den Spaniern, die das Inka-Reich eroberten, kam auch der katholische Glaube. Die Bevölkerung konvertierte nicht freiwillig, vielmehr wurde er den Ureinwohnern aufgezwungen. Viele hielten an ihrem ursprünglichen Glauben fest. Noch heute existieren unterschwellige Glaubensvorstellungen der prähispanischen Zeit. Dies ergibt einen faszinierenden kulturellen Mix.

Geografisch

Die Souvenirpüppchen, die heute Touristen angeboten werden, zeigen bei der Frauentracht mit Bluse, Bolerojäckchen und dem weiten Rock eindeutig spanischen Einfluss. Andere Souvenirpuppen weisen auf die klimatischen und geographischen Gegensätze in Ecuador hin. Das Hügelland am Pazifik wird nach Osten hin vom Hochgebirge der Anden abgelöst, ein Gebirge, das bis auf mehr als 6.000 Meter Höhe ansteigt. In dieser Bergregion kann es auch empfindlich kalt werden. Dies veranschaulicht zum Beispiel die Puppe mit dem grünen Poncho und dem schwarzen Wollschurz.

Die Jivaro-Indianer<

Weiter östlich fallen die Anden ab zum tief gelegenen Amazonasbecken. Von dort stammen merkwürdig aussehenden Menschendarstellungen. Diese Figuren bestehen aus unterschiedlichen Pflanzensamen, die auf Draht aufgefädelt sind, wobei der Körper nur durch ein mehr oder minder großes Stückchen Webstoff angedeutet wird. Als Kopf dient eine nussartige, bemalte Frucht. Es sind dies Darstellungen der Jivaro-Indianer (Shuar). Diese haben international eine gewisse Berühmtheit erlangt. Zum einen dadurch, dass sie sich erfolgreich gegen eine Unterwerfung durch die Spanier zur Wehr gesetzt haben, zum anderen dadurch, dass sie bis ins 19. Jahrhundert als „Kopfjäger“ bezeichnet wurden.

Der rechte Indio auf der Abbildung soll daran erinnern, denn er hält einen sogenannten Schrumpfkopf in der Hand. Ethnologischen Berichten zufolge legen die Jivaro-Indianer Wert auf die Feststellung, dass sie keine Trophäenjäger gewesen seien. Vielmehr glaubten sie, dass in dem Schrumpfkopf die Seele des besiegten Kämfpers erhalten geblieben sei, die wiederum dem Sieger Vorteile bringen könne.

Gebackene Puppen

Als Souvenirs gelangen öfter die sogenannten Brotteigpuppen nach Europa. Diese ursprünglich aus Maismehl und Wasser gefertigten Figuren waren und sind bis heute eigentlich Kultpuppen. Um sie für Touristen attraktiver zu machen, werden sie heute bemalt und dem Teig Konservierungsstoffe und eine Gummimasse beigemischt, damit die kleinen Kunstwerke bessere Stabilität für den Transport bekommen.

Diese in der Quechua-Sprache der Inkas genannten Guaguas de pan (Brotkinder) haben einen interessanten historischen Hintergrund: Die spanischen Eroberer verbreiteten mehr oder weniger gewaltsam den Katholizismus in dem von ihnen besetzten Inka-Reich. Hierbei vermischten sich religiöse Vorstellungen des Christentums mit denen der Inka-Religion, gerade was das Totengedenken anlangt.

Zum Gedenken

Nach dem christlichen Kirchenjahr findet dieses Totengedenken am 1. und 2. November an den Festen Allerheiligen und Allerseelen statt, angepasst an die düsteren, häufig verregneten Herbsttage. Auf der Südhalbkugel beginnt gerade zu dieser Zeit der Frühling, sodass die besinnlich-ruhigen Gedenktage seitens der indigenen Bevölkerung des Anden-Hochlandes in ein fröhliches Frühlingsfest umgemünzt worden sind.

Denn nach der Vorstellung der Inka-Religion kehren die Seelen der Verstorbenen gerade zu Beginn des Wachstums im Frühjahr zu ihren Gräbern zurück. Dort auf den Friedhöfen wird von den Angehörigen für sie gebetet. Zuweilen übernimmt diese Aufgabe auch ein Vorbeter. Sodann feiern die Lebenden mit den Toten auf den Friedhöfen ein Toten-Mahl. Dazu gehören auch die Brotteigpuppen, die auf den Gräbern niedergelegt beziehungsweise auf dem Friedhof verzehrt werden, wobei auch Chicha, das Maisbier, wesentlich dazu beiträgt, dass die Veranstaltung einen fröhlichen Ausgang nimmt.

Dieses Brauchtum wird heute noch in den Dörfern des Hochlandes und speziell in der Stadt Calderon gepflegt, die nur 10 Kilometer nordöstlich von Quito liegt. Calderon ist mehrheitlich von indigener Bevölkerung besiedelt. Hier ist auch ein reiches Angebot von solchen Kultpuppen für Touristen entstanden.

Inspirationen

Eine interessante Geschichte haben auch einfache Stoffpüppchen zu erzählen, angefertigt von einer Ecuadorianerin, die unweit von Quito lebt und sich einen kleinen Nebenverdienst verschaffen wollte. Die schlanken Püppchen fertigte sie aus rotem, schwarzem und weißem Baumwollstoff und verkaufte sie als Dreierbündel. Sie wollte damit ausdrücken: Indianer, Schwarze und Weiße sind Menschen unterschiedlichen Aussehens, aber doch alle von gleicher „Bauart“.

Der ecuadorianische Maler und Bildhauer Oswaldo Viteri (geboren 1931) wurde auf diese Püppchen (auch „ragdolls“ genannt) aufmerksam und verarbeitete sie zu Hunderten in neofigurativen Bildwerken. Eine ganze Reihe seiner Bilder haben in namhaften Kunstmuseen in Amerika und Europa Eingang gefunden. Viteri befasst sich mit der Erforschung ecuadorianischer Volkskunst und war mehrere Jahre Leiter des ecuadorianischen Instituts für Folklore. Dieser Aufstieg der ragdolls in die höheren Etagen der bildenden Kunst ist ein schönes Beispiel für die Volkskunst, die eine Initialzündung auslösen kann für eine kulturelle Weiterentwicklung.

URL:
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TEXT
Brigitte Bofinger

FOTOS
Wolfgang Bofinger

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