PUPPEN & Spielzeug

2017-01-06 08:00:41

Tierischer Held

Ausgabe 01/17

Bonzo, eine Comic-Figur aus Zelluloid

Eine der bekanntesten Comicfiguren des frühen 20. Jahrhunderts kam aus Großbritannien und war ein possierliches Hündchen mit dem Namen Bonzo. Designt von George E. Studdy erlangte Bonzo durch eine Trickfilmserie und später als Werbestar für Radiogeräte Weltruhm. Zugleich war Bonzo eine der ersten Figuren aus dem noch jungen Werkstoff Zelluloid.

Eine Reihe bunter Spielzeuge und viele Puppen verdanken wir der Erfindung von Zelluloid. Konzipiert wurde dieser günstige Werkstoff zur Imitation von Luxusgütern aus hochwertigen Materialen – speziell zur Produktion von Billardkugeln ohne den Einsatz von Elfenbein. Im Jahr 1861 entwickelte der Buchdrucker John Wesley Hyatt in der US-amerikanischen Stadt Albany diese Masse, die haltbar, färb- und formbar und vor allem ziemlich unempfindlich war – na ja, mit ein oder zwei Ausnahmen, aber dazu später mehr. Auf die Frage, was man mit dieser Masse anfangen könnte, soll er schlicht geantwortet haben: „Alles“.

Auf den Hund gekommen

Das Ergebnis dieser Erfindung: Generationen von Kindern hatten jahrzehntelangen Spielspaß und wir dürfen uns heute über wundervolle Sammlerstücke freuen: Spielzeug aus dem „ersten thermoplastischen Kunststoff“ Zelluloid gab es in den witzigsten Formen. Der Werkstoff eröffnete Möglichkeiten, wie kein anderes Material zuvor. Eine meiner Lieblingsgestalten aus dieser vielfältigen Welt aus Zelluloid ist der Hund „Bonzo“.

Als mir „Bonzo“ zum ersten Mal begegnete, ahnte ich noch nicht, welche spannende Geschichte hinter dieser Figur stand. Ich sah nur, dass sich die Firma Karl Standfuß aus Deuben bei Dresden offensichtlich um das Jahr 1929 die Rechte für den witzigen kleinen Hund gesichert hatte und nun heftig darum kämpfte, nicht von Kopien aus Fernost vom Markt verdrängst zu werden. Wer aber war der süße kleine Vierbeiner, der die Betrachter zum Lächeln bringt?

Stummfilmstar

George E. Studdy (1878-1948 ), ein britischer Künstler, der in mehreren Zeitungen Zeichnungen zeitgenössischer Ereignisse veröffentlichte, erfand um das Jahr 1912 einen kleinen Hund, der hier und da in seinen Comics auftauchte. Der kleine, noch namenlose Kerl, war eine Art Pitbull-Terrier oder auch Bullmastiff. Zugegeben, nicht ganz rasserein, aber als Produkt eines Zeichenstiftes durften sich in ihm die niedlichsten Eigenschaften verschiedener Rassen mischen.

Im Jahr 1921 tauchte das „Studdy-Dog“, wie er genannt wurde, dann in ganzseitigen Geschichten auf und 1922 bekam er endlich seinen Namen „Bonzo“. Zwei Jahre später war „Bonzo“ schon Stummfilmstar in 26 Folgen früher Zeichentrickfilme. Die Drehbücher stammten allesamt von Adrian Brunel während William Ward für die Animation zuständig war. Die Bonzo-Produktionen waren die einzige erfolgreiche Zeichentrickfilmserie der Stummfilmzeit aus Großbritannien.
Ab 1925 war „Bonzo“ dann eine vielbeschäftigte Werbefigur. Er warb für das Rundfunkgerät Crosley Pup und erlangte große Berühmtheit. Postkarten in Hülle und Fülle, Porzellanfiguren, Blech-Bonzos, die sich bewegen konnten, Bonzo-Dosen sowie -Kissen und natürlich auch weiche Bonzo-Schmusefiguren gab es nun. Diese „Bonzos“ aus Stoff stellte Chad Valley her – immer unter strengen Lizenzvorgaben. In dieser Hinsicht war George E. Studdy durchaus geschäftsstüchtig. Nicht jeder Entwurf fand Zustimmung in den Augen des Künstlers.

Bonzo und Steiff

So bemühte sich auch die Firma Steiff jahrelang erfolglos um eine Lizenz. Über 100 Prototypen sollen die Giengener hergestellt haben, teilweise sogar mit Musikspielwerk, ohne dass es zu einem Vertragsschluss gekommen wäre. Und das über viele Jahre. Steiff stellte in dieser Zeit allerdings eine ganze Reihe anderer Stoffhunde her. Nicht umsonst werden die 1920er-Jahre häufig als die „Hundejahre“ der Spielwarenindustrie bezeichnet. Der Hund lief in dieser Zeit dem Teddybären vorrübergehend den Rang ab. Die Bemühungen trugen Früchte. Im Jahr 1927 gab Geoge E. Studdy endlich grünes Licht für einen „Bonzo“ aus der Fertigung von Steiff . Dieser „Bonzo“ wurde in den Jahren 2009 und 2011 sogar in die Repliken-Serien aufgenommen.

Bonzo ist empfindlich

Aber zurück zu unserem Freund aus Zelluloid. Nur wenige Jahre lang wurde das Hündchen gefertigt. Es entstand hauptsächlich in zwei Größen: als etwa 12 x 12 Zentimeter großer Bonzo und als Puppy-Ausführung, auf den Hinterbeinen stehend, zirka 11 Zentimeter groß. Dieses Hündchen ist wohl die treffendste Nachempfindung der gezeichneten Figur. Aber leider war sein Grundmaterial nicht ganz so perfekt, wie Hyatt einst glaubte.
Da dem „ersten thermoplastischen Kunststoff“ bei der Herstellung Kampfer beigemischt wurde, war seine Lebensdauer dadurch begrenzt. Der Kampfer verfliegt im Laufe der Zeit und das Material verliert dadurch seine Elastizität und wird wesentlich brüchiger. Nicht nur spielende Kinderhände und die Kriegsereignisse haben den Bestand reduziert, sondern eben auch die typischen Gefahren für Zelluloid: Es ist brennbar und nun doch zerbrechlich.

Karl Standfuß wehrte sich in Annoncen noch im März 1931 gegen die vielen Plagiate aus Asien. Zu dieser Zeit hatte die Firma mit der Marke „Juno“ wohl noch 130 Mitarbeiter. Die Firma gehörte zu dem Konzern der IG Farben. Nach 1931 hörte man nichts mehr von einer Zelluloid-Fertigung in ­Freital. Die deutschen „Bonzos“ hatten ausgebellt.

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TEXT
Sabine Reinelt

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