PUPPEN & Spielzeug

2016-11-05 10:02:10

Märchenhaftes Ensemble

Ausgabe 06/16

Wie Schneewittchen und die sieben Zwerge nach Leipzig kamen

Als Experte für antike Puppen wird PUPPEN & Spielzeug-Autor Thomas Dahl regelmäßig gebeten, historische Stücke zu bewerten oder einzuordnen. So auch vor einigen Jahren, als ihm ein rätselhafter Käthe Kruse-Zwerg vorgestellt wurde. Die Recherchen förderten eine spannende, nahezu märchenhafte Geschichte zutage und führten ihn in die Messestadt Leipzig.

Nachdem Käthe Kruse selbst 1950 Bad Kösen wegen der drohenden Enteignung ihres Betriebs verlassen hatte, wurden dort weiterhin Puppen hergestellt. Hierzu wurde ein sogenannter Volkseigener Betrieb (VEB) gegründet – als „VEB Puppenwerkstätten Bad Kösen (Saale)“. Dieser produzierte Käthe Kruse-Puppen erst in herkömmlicher Weise mit einem Stoff- aber schon rasch auch mit einem Kunststoffkopf. Bis 1964 wurden vor allem die klassischen „Deutschen Kinder“ als Puppen IX und Puppen VIII vertrieben. Besonders in den östlichen Bundesländern aber über den Export auch in den westlichen Bundesländern finden sich noch heute viele Puppen aus dieser Produktionszeit. Zahlreiche Kataloge aber vor allem Postkarten wurden seinerzeit als Werbemittel genutzt. Unter den vielen Karten finden sich auch einige verschiedene Motive, in denen mit Käthe Kruse-Puppen aus DDR-Produktion Märchen­szenen nachgestellt wurden.

Spannende Geschichte

Vor einigen Jahren berichtete mir eine Sammlerin, sie besäße eine Käthe Kruse-Puppe mit angeklebtem Bart und einer grünen Originalkleidung. Zuerst war ich sehr erstaunt, weil ich mir das überhaupt nicht vorstellen konnte und hielt es für das Ergebnis kindlicher Bastelleidenschaft. Leider habe ich kein Foto von diesem Puppenzwerg gemacht und musste immer daran denken, wie viele solcher Puppen wohl verkauft worden sind und warum sie hergestellt wurden. Im Mai dieses Jahres erfuhr ich in der Messestadt Leipzig, was es mit diesem Zwerg auf sich hat.

Rückblicke

Wenn man heute von einer Verkaufsmesse in Deutschland spricht, so findet diese in riesigen Ausstellungshallen meist vor den Toren der jeweiligen Stadt statt. In Leipzig war dies früher nicht so. Die einzelnen Aussteller fand man nicht nur in der Leipziger Messehalle, sondern vor allem auch in der Innenstadt. Rund um den Markt waren es neben den extra gebauten Messehäusern häufig auch die Eigentümer der einzelnen Geschäfte, die ihre Verkaufsräume und ihre Schaufenster zu Ausstellungszwecken zur Verfügung stellten.

Genauso hielt es auch der VEB Puppenwerkstätten Bad Kösen (Saale), der Puppen in der Art von Käthe Kruse herstellte. Das Unternehmen hatte sich in den 1950er-Jahren dem Thema Märchen verschrieben und dekorierte im größten Leipziger Spielwarengeschäft das Fenster mit Märchenszenen. Gleichzeitig wurden von diesen aufwändigen Schaufensterdekorationen Fotografien angefertigt, die man dann später nach der Messe als Postkartenserie oder Kalenderblätter druckte.

Schneewittchen

Eine besonders große Gruppe bildete die Dekoration des Märchens Schneewittchen als 52 Zentimeter große Puppe mit ihren sieben Zwergen. Letztere waren 35 Zentimeter große Puppen, denen mit Wolle und Flachs ein Bart aufgeklebt wurde. Als ich nun diese Postkarten von der Märchenprinzessin sah, wurde mir klar, welche Puppe mir die Sammlerin gezeigt hatte, es war wohl einer der Zwerge aus der Schaufensterdekoration. Schneewittchen hatte dem Märchen entsprechend lange Haare schwarz wie Ebenholz, das mit einem kleinen goldenen Reif gehalten wurde. Die Haarfarbe war äußerst ungewöhnlich dunkel für Käthe Kruse-Puppen. Das prächtige Prinzessinnenkleid war aus glänzendem, schneeweißem Satin und mit schwarzen Seidenbändern eingefasst. Ein festlicher Samtbolero komplettierte das Gewand der Königstochter.

Hintergründe

Natürlich flanierten zur Messezeit auch die Einwohner Leipzigs um den Markt herum, um die dort ausgestellten und doch für die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik zumeist unbezahlbaren Waren zu bestaunen. Die kleine Monika ging mit ihrer Mutter zielstrebig zum Schaufenster des Leipziger Spielwarengeschäftes und bestaunte die aufwändige Schneewittchen-Dekoration. „Mutti, Mutti! Diese Puppe möchte ich so gern haben. Und wenn ich nie, nie wieder etwas anderes vom Christkind geschenkt bekomme. Diese Prinzessin muss ich haben.“ Auch die Großmutter musste am nächsten Tag zusammen mit Monika die Märchenpuppen bewundern. Und so verging kaum ein Tag während der Leipziger Herbstmesse, an dem die kleine Monika nicht mit einem Familienmitglied zum Schneewittchen-Schaufenster gehen wollte.

Irgendwann war die Dekoration abgebaut und das schöne Märchenkind aus dem Blickfeld des kleinen Mädchens verschwunden. Aber es verging kein Tag – bis zum 24. Dezember – an dem sie ihre Mutter nicht an den so großen Weihnachtswunsch erinnerte. Immer wieder musste man der kleinen Monika erklären, dass diese Puppe eine besondere Messedekoration gewesen sei und dass das Christkind die ersehnte Märchenprinzessin nicht erwerben könne. Wie groß war dann die Freude am Gabentisch. Unter Jubelschreien drückte Monika die Schneewittchen-Puppe an sich. Vor lauter Freude über die schöne Prinzessin merkte sie gar nicht, dass die sieben Zwerge dann doch sehr geschrumpft und nun keine Puppen sondern kleine Keramikfiguren waren.

Leidenschaftlich

Später, als Monika nicht mehr an das Christkind glaubte, erzählte ihr ihre Mutter, dass sie fast genauso häufig wie ihre Tochter vor dem Schaufenster gestanden und im Geschäft versucht hatte, den Spielzeughändler zu überreden, ihr die schöne Puppe aus der Märchendekoration zu verkaufen. Natürlich hätten alle acht Puppen, also Schneewittchen und ihre Zwerge, das Weihnachtsbudget der Mutter bei Weitem gesprengt. Und es wurden deshalb die kleinen Zwergenfiguren dazu erworben und ein Schneewittchen Legepuzzle, mit dem das Mädchen das Märchen nachspielen konnte.

Heute als ältere Dame möchte Monika ihr Schneewittchen mit ihren Zwergen veräußern und hat sie mir im Frühjahr in Leipzig anvertraut. So hat sich für mich die Herkunft der märchenhaften Kruse-Puppen aus VEB-Produktion gelöst. Im selben Jahr, im selben Spielwarengeschäft gab es noch eine Märchenprinzessin, das Dornröschen. Auch von ihr gibt es Postkarten, ob sie wohl auch der Wunschtraum eines kleinen Mädchens war?

URL:
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TEXT
Thomas Dahl

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