PUPPEN & Spielzeug

2016-05-11 14:32:40

Am Rad gedreht

Ausgabe 03/16

So funktioniert das Spinnen von Wolle

Alte Handwerkstechniken üben auf viele Menschen eine große Faszination aus. Eine dieser Arbeiten, die heute fast ausschließlich maschinell erledigt werden, ist das Spinnen von Wolle. PUPPEN &Spielzeug-Autor Arnd Bremer wollte mehr darüber erfahren und hat sich von Herta Weiss die Technik erläutern und das Spinnrad vorführen lassen.

Das Spinnen ist neben dem Weben eine der ältesten Handwerkstechniken, die die Menschheit kennt. Die ersten Garne wurden noch nicht auf dem Spinnrad gesponnen, sondern mit der Handspindel. Diese Handspindel, an der sich im Märchen der Gebrüder Grimm auch Dornröschen gestochen hat, besteht aus einem Stab und einer Schwungscheibe, dem sogenannten Wirtel. Erst im frühen Mittelalter wurde dann das Spinnrad in Europa erfunden und steigerte die Effizienz enorm

Technischer Fortschritt

Um mehr über die Technik des Spinnens zu erfahren, traf ich mich an einem sonnigen Tag mit Herta Weiss aus Mönchengladbach. Sie ist im Jahr 2004 zum Spinnen gekommen als sie im traditionsreichen Geschäft „Die Wollfabrik“ neue Wolle zum Stricken kaufen wollte. Das tat sie dann auch und besuchte zudem noch einen Schnupperkurs zum Thema Spinnen, der von Anna Maria Schmilinsky geleitet wurde.

Zu dem Spinnrad, hinter dem sie jetzt sitzt, ist Herta Weiss auch an einem solchen Abend gekommen. Nachdem sie im Einführungskurs, wie fast alle Anfänger, mit der Handspindel wenig erfolgreich war, wechselte sie zum Spinnrad. An diesem erfahre ich nun auch mehr über die Technik. Der erste Eindruck von diesem modernen Spinnrad war etwas ernüchternd. Spinnräder sehen in meiner Vorstellung irgendwie immer historisch aus. Mir war nicht bewusst, dass man sie auch heute noch problemlos kaufen kann. Führend bei der Herstellung sind immer noch die Niederländer und die Neuseeländer.

In der Praxis

Das große Schwungrad mit dem Pedal­antrieb fällt direkt auf. Um die Spindel kreist der Spinnflügel und wickelt das Garn auf die Spindel. Aber bevor wir uns dem Spinnrad widmen, möchte ich etwas über die Handspindeln erfahren, die auf dem Gartentisch liegen. Wie bereits erwähnt, lernt jeder Anfänger zunächst damit. Der Wirtel, der in Europa überwiegend unten an der Spindel angebracht ist, wird in eine Drehbewegung versetzt. Nun muss die Wolle langsam ausgezupft und im Spinndreieck zum Garn zusammengeführt werden. Natürlich darf die Spindel immer nur in eine Richtung drehen, ansonsten würde sich das Garn wieder auswickeln. Wenn das Garn lang genug ist wird das fertige Produkt auf die Spindel gewickelt.

Anschließend beginnt das Spiel von vorne. Spindel andrehen, Wolle gefühlvoll zupfen und langsam nachführen. Im Prinzip funktioniert das Spinnrad genauso. Hier ist der Antrieb durch das große Schwungrad gleichmäßiger. Die Drehzahl der Spindel kann durch verschiedene Wirtel variiert werden. Als kleine Faustformel gilt: Großer Wirtel, dickes Garn – kleiner Wirtel, dünnes Garn. Die Drehzahl kann noch über einen Lederriemen, der als Bremse dient, eingestellt werden.

Beim Spinnen kann Herta Weiss so richtig entspannen. An einem stressigen Tag setzt sie sich einfach 10 Minuten ans Spinnrad. Sie strahlt dabei eine große Ruhe aus, die sich auch auf die Zuschauer überträgt. Nebenbei erzählt sie über die Wolle, die Verarbeitung und das Spinnen selbst. Dabei saust der Spinnflügel um die Spindel und wickelt das Garn auf. Die Finger zupfen nebenbei die Fäden aus der Wolle und führen sie dem Spinnrad zu.

Vorarbeiten

Ich frage, ob sie die Wolle noch selber vorbereitet. Das lohne nicht, erklärt Herta Weiss. Erstens ist unbehandelte Wolle sehr geruchsintensiv und somit nicht für jede Nase geeignet, zweitens ist der Wasch-Aufwand recht hoch. Nach dem Waschen und Entfernen des groben Drecks wird die Wolle kardiert. Kardieren, auch kardätschen und krempeln genannt, bringt die einzelnen Fasern in eine Reihe. Der Volksmund spricht daher auch vom Kämmen der Wolle.

Zum Vermischen mehrerer Farben kann man die Karden auch verwenden und an diesem Beispiel zeigt Herta Weiss mir die Technik. Eine recht anstrengende Arbeit, die mächtig in die Arme geht. Aus der weißen und der roten Wolle wird so eine rosa-farbene. Je öfter man die Wolle kardiert, je mehr vermischten sich die Farbe. Wenn man dies so sieht, kann man nachvollziehen, warum sich der Aufwand nicht wirklich lohnt. Schließlich ist Wolle in allen möglichen Farben zu vertretbaren Preisen erhältlich. Wer dennoch selbst Wolle aufbereiten möchte, der kann auch auf elektrische Kardiermaschinen für den Heimbetrieb zurückgreifen.

Nach dieser Schwerstarbeit ist wieder eine Runde Entspannen angesagt. Ein leichter Tritt ins Pedal und schon surrt der Spinnflügel wieder im Kreis. Aus 100-Gramm-Wolle entsteht ein ansehnliches Garn. Dieses wird dann noch mit einem zweiten, gegenläufigen, Garn verzwirnt und ein Faden entsteht. Der fertige Faden wird auch wieder auf der Spindel aufgewickelt. Von hier kommt der Faden auf die Haspel. An einer selbstgebauten Handhaspel wird mir eindrucksvoll demonstriert wie schnell und locker aus dem Handgelenk das gehen kann. So steht das Wollgarn für die weitere Verarbeitung bereit. Es kann gewoben, verstrickt oder sonst wie verarbeitet werden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

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TEXT & FOTOS
Arnd Bremer

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