Unterschätzt und doch geliebt

Die Lumpenpuppe

12. Juli, 2019 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Unterschätzt und doch geliebt

Vor allem kleine Mädchen lieben Puppen und das Spiel mit ihnen. Sie werden an- und umgezogen, werden frisiert, werden auf dem Arm herumgetragen. Und manchmal auch fallen gelassen. Was heutzutage aufgrund entsprechend robuster Materialien kein Problem darstellt, musste bei Porzellankopfpuppen tunlichst vermieden werden. Kein Wunder, dass die heute bei Sammlern oft unterschätzten Werfpuppen zu damaligen Zeiten bei den Kindern sehr beliebt waren, durfte mit diesen doch nach Herzenslust gespielt werden.

Als Sammler von antiken Porzellankopfpuppen stellt man sich immer die Frage: „Wie haben die kleinen Kinder damals mit diesen Puppen gespielt?“ Seit Beginn der 1980er-Jahre tauchte das Sammelgebiet „Antike Porzellanpuppe“ in Europa und Nordamerika auf. Vorwiegend Frauen sammelten feine Porzellankopfpuppen mit mehrfach gegliederten, fragilen Holzgliedergelenkkörpern und aufwändiger, meist damenhafter Bekleidung. Diese Puppen haben häufig sogar eine Größe um die 70 Zentimeter. Sie waren also fast so groß wie die spielenden Kinder selbst.

Wohlstandsymbol

Als ich in dieser Zeit zum Puppensammler wurde, gab es tatsächlich noch die Möglichkeit, die Kinder zu befragen, die mit diesen Puppen gespielt hatten. Die mittlerweile älteren Damen hatten selbst ein hohes Alter erreicht und erzählten nur zu gern von den Erlebnissen in ihrer Kindheit. Tatsächlich war es nämlich so: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Puppe mit einem Biskuitporzellankurbelkopf zu einem begehrten Spielobjekt. Wie alles hochwertig produzierte Spielzeug hatten diese natürlich auch ihren Preis. In der aufkommenden, bürgerlichen Gesellschaft gab es nicht so viele Möglichkeiten wie heute, seinen Wohlstand nach außen hin sichtbar zur Schau zu stellen. Und so wurde es Gang und Gäbe, dass im bürgerlichen Salon oder im „Damenzimmer“ eine Puppenecke eingerichtet wurde. Hier wurden die Puppen der eigenen Töchter zur Schau gestellt.

Doch so richtig spielen konnten sie mit diesen Objekten nicht. Jeder Puppensammler weiß, wie achtsam mit diesen Geschöpfen umgegangen werden muss und kann sich deshalb vorstellen, wie schwierig es für die kleinen, noch ungelenken Kinderhände war, mit den zerbrechlichen Schönheiten zu hantieren. Meistens durften die kleinen Mädchen nur mit Hilfe älterer Geschwister, dem Kindermädchen, mit der Gouvernante oder in Ausnahmefällen der Mutter an diese Puppen Hand anlegen. Übrigens weisen diese Puppen meist deswegen so wenig natürliche, um nicht zu sagen unansehnliche Körper auf, weil die Puppenkinder nie gänzlich entkleidet wurden. Nur die Überbekleidung wurde ausgetauscht und die meist reichhaltige Unterwäsche der Puppe angelassen. Denn Nacktheit in jeder Form war ja noch verpönt. Auf den ersten Fotografien sieht man häufig kleine Mädchen mit einem Puppenwagen und einer großen Porzellankopfpuppe darin, die beim Sonntagsspaziergang aufgenommen wurde. Hier wurde der Wohlstand der Familie durch das teuer bekleidete Mädchen aber auch mit dem Puppenwagen und der darin befindlichen Luxuspuppe dargestellt.

Kuschelige Werfpuppe

Aber womit spielten die Kinder wirklich? Hatten sie gar kein richtiges Spielzeug? Die schnelle Erfolgsgeschichte des Teddybären und anderer, unzerbrechlicher Plüschtiere bringen uns auf die richtige Spur. Richtig gekuschelt, lieb gehalten und mit ins Bett genommen wurde die sogenannte Werfpuppe. Diese war unzerbrechlich, relativ weich und preiswert. Der Körper bestand zumeist aus Stoff, der Kopf aus gedrückter Pappe. Für diese Puppen wurde häufig auch keine extra angefertigte Kleidung benötigt, da der Stoffkörper keinen unbekleideten Menschen abbildete, sondern aus buntem Stoff gefertigt selbst die dauerhafte Bekleidung darstellte.

Diese einfachen Puppenkinder konnte ein Mädchen überall mit hinnehmen und sie waren so gut wie unzerbrechlich und durften dann auch im Kinderzimmer verbleiben, denn diese „billige“ Ware wurde nicht in der Welt der Erwachsenen zur Schau gestellt. So hergestellte Puppen konnten Kinder unbedenklich fallen lassen oder werfen, ohne dass sie beschädigt wurden. Deshalb erhielten sie den Namen „Werfpuppen“. Doch wer hat diese Puppen hergestellt und wo wurden sie produziert?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Faktor Lohn für Fabrikanten in einer Kalkulation der kleinste Betrag. In vielen infrastrukturschwachen Gegenden Süd- und Mitteldeutschlands mit ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieben wurden in den Wohnstuben zusätzlich zur täglichen Arbeit viele Dinge in Heimarbeit gefertigt. So auch Puppen und anderes Spielzeug. Für die hier beschriebenen Werfpuppen war das Material wie der bunte Stoff und der gedrückte Pappkopf ein Vielfaches teurer als der Lohn, der für die Herstellung der gesamten Puppe entrichtet werden musste. Solche preiswerten Werfpuppen wurden in hohen Stückzahlen hergestellt und mussten knapp kalkuliert werden, da sie „Groschenspielzeug“ waren. Denn im Gegensatz zu den Porzellankopfpuppen, die mehrere Reichsmark kosteten, musste man für eine solche einfach produzierte Werfpuppe nur wenige Groschen ausgeben.

Bunt und geliebt

Die für Werfpuppen genutzten Stoffe waren zumeist bunt, aber immer von billigster Qualität. Gefüllt wurden die auf Grundlage eines einfachen Zuschnitts gefertigten Körper mit Holzwolle, Seegras oder Putzwolle – zerrissene Alttextilien. Die Köpfe waren fest angenäht, entweder als Maskenkopf mit einem Hinterkopf aus Stoff oder einem Brustblattkopf, der unbeweglich fest eingenäht wurde. Eher selten findet man Einbinde- oder Ringhalsköpfe aus gedrückter Pappe, die dann drehbar waren. Sie waren meist einfach bemalt, die Augen sogar häufig durch Abziehbilder dargestellt. Um eine bunte Vielfalt zu erreichen, wurden seriell gefertigte Puppen in vielen Trachten, Uniformen und anderen Bekleidungen hergestellt. Später wurden dann auch abwaschbare Stoffe wie „Sky“, ein Wachstuch, für die Herstellung der Puppenkörper verwendet. Dies sollte es auch Babys ermöglichen, mit einer Puppe zu spielen und an ihr herum zu beißen.

Aber insgesamt muss man die Produktion dieser Puppen als nicht sehr haltbar bezeichnen. Meist waren sie flüchtig zusammengenäht, die Stoffe wie beschrieben nicht von hoher Qualität und so hielten die Werfpuppen einer starken Beanspruchung durch heftiges Kinderspiel doch nicht stand. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum von den zigtausenden Werfpuppen letztendlich doch so wenige Exemplare erhalten geblieben sind. Auch liegt es sicherlich daran, dass wir Puppensammler die „Schönen aus Porzellan“ immer viel höher bewertet haben als die kleinen, oft etwas schmuddeligen Püppchen, die aber doch eigentlich viel mehr geliebt wurden.

Tauschhandel

Eine Sammlerin vom Niederrhein erzählte mir noch eine weitere Geschichte zu dieser besonderen Art Puppen: Im rheinischen Raum werden sie nämlich Lumpenpuppen genannt. Ich dachte zuerst, dass sich der Begriff „Lumpen“ auf die mangelnde Qualität der verwendeten Stoffe oder die Körperfüllung bezog. Oder aber auf von Müttern selbst hergestellte Puppen aus Lumpen, denn in Handarbeitsgeschäften wurden die einfachen bemalten Pappköpfe einzeln angeboten. Zusätzlich wurden Schnittmuster verkauft, um den entsprechenden Stoffkörper selbst zu nähen.

Aber die Geschichte ist ganz anders. Bis in die 1950er-Jahre gab es fast überall den Lumpenhändler. Ein fahrender Händler mit Pferdekarren oder später Klein-Lkw machte mit einer lauten Glocke auf sich aufmerksam und rief „Lumpen, Altpapier, Schrott“. Er sammelte die Dinge, die wir heute fein säuberlich im Müll trennen und dem Recycling zuführen. Man konnte ihm in der damaligen Zeit sein Altpapier und nicht mehr verwendbare Textilien für wenige Pfennige aushändigen. Außen am Wagen befestigt war eine große Auswahl bunter Werfpuppen. Die auf der Straße spielenden Kinder bewunderten diese Puppenkinder und wollten selbst eine haben. Von dem verlockenden Angebot animiert, rannten sie schnell nach Hause und suchten in allen Ecken, was sie dem Händler bringen konnten. Für ihre Ausbeute erhielten sie dann ein begehrtes Püppchen. Ein wahre „Lumpenpuppe“.

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