Wie viel die beiden dort tatsächlich gelernt haben, vielleicht ja noch immer lernen, verschweigen sie allerdings hartnäckig. Sie zwingen uns eher, sich ganz mit ihnen zu beschäftigen, was wir hier auch mit Freude tun wollen. Das 63 Zentimeter große Schulmädchen im geblümten Kleid stammt aus der Puppenfabrik von Heinrich Handwerck in Waltershausen in Thüringen.
Waltershäuser Kunst
Handwerck begann 1885 seine Karriere als Spielzeugfabrikant zunächst mit der Herstellung von kleinen Scherzartikeln, so genannten Springfiguren, die nach dem Öffnen einer kleinen Sperrholzkiste zum Schrecken oder zum Vergnügen von Kindern und Erwachsenen mittels einer Spirale heraussprangen. Dann fertigte Handwerck Mohairperücken für französische Puppen, sowie Stoff- und Lederbälge, die er als Zulieferer für wieder andere Puppenhersteller verkaufte. Die Porzellanköpfe für seine bald komplett angebotenen Puppen bezog Handwerck von der Fabrik Simon & Halbig in Gräfenhain. Diese Köpfe wurden allerdings nach seinen eigenen Modellen dort gefertigt.
Der hübsche Kurbelkopf der netten 63 Zentimeter großen Schulmädchenpuppe, der natürlich aus Biskuitporzellan besteht, wurde sehr sorgfältig bemalt. Über den großen, dunkelbraunen Glasaugen thronen die auffallend schönen, dichten, etwas längeren Augenbrauen. Sie passen besonders gut zu diesem Mädchentyp. Auch die zart gestrichelten Wimpern sind ganz vollkommen.
Als Qualitätsbeweis für sehr feine Puppen galten damals auch durchstochene Ohrläppchen, über die auch diese Puppe verfügt. Der Kunde konnte dann in solchen Fällen selbst entscheiden, ob er diese später noch mit kleinen Ohrringen schmückt, oder nicht. Unsere „Schülerin“ bekam allerdings keine; offensichtlich ist sie auch so einfach schön genug. Des Weiteren fallen noch ihre niedlichen Kinngrübchen im Gesicht auf und die sorgfältige Bemalung von Augenbrauen, Mund und zartem Wangenrot. Der kleine, offene Mund zeigt andeutungsweise winzige Porzellanzähnchen. Die dunkelbraunen Schlafaugen liegen in großen Augenausschnitten, was wiederum eine kleine Besonderheit ist. Die halblange, blonde und gelockte Echthaarperücke dieser Puppe ist mit einem Haarkränzchen aus kleinen, bunten Kunstblumen geschmückt, was ihr besonders gut steht. Solch eine liebenswerte, aufmerksame und still sitzende Schülerin wäre sicher auch heute ein Wunsch von so manch einer Lehrkraft.
„Süße Kestner“
Genauso artig und jahrein, jahraus still sitzend hält es die Nachbarin in der alten Schulbank aus. Hier handelt es sich um eine Porzellankopfpuppe aus der Thüringer Puppenfabrik von Kestner. Ihre Halsmarke im Nacken verrät uns, dass sie im Jahr 1911 entstanden ist. Sie lautet „K made in Germany 14“, darunter finden wir die Ziffer 171. Hilfreich zur Bestimmung ist in diesem Fall auch noch, dass die hübsche Schülerin eine Perücke trägt, die auf einem Gipsdeckel befestigt wurde.
Kestner-Puppen trugen alle einen derartigen Gips-Deckel, die den angeschrägt, geöffneten Oberkopf aus Porzellan aufs Beste verschließen. Darauf wurde dann jeweils die Perücke befestigt. Auf dem verlängerten Rücken des Gliederkörpers der hübschen Schülerin befindet sich ein roter Stempel mit dem Schriftzug „Puppenfabrik Kestner“.
Gliederkörper fertigte man aus so genannter „Mischmasse“. Die Einzelteile wie Rumpf, Ober- und Unterarme, sowie Ober- und Unterschenkel wurden durch Gummistränge miteinander verbunden. Am Handgelenk, am Ellenbogen am Knie- und Fußgelenk befinden sich in der Regel hölzerne Kugeln, die für Beweglichkeit sorgen. Sollten die beiden jemals auf ihrer Schulbank die Arme heben, um sich zu melden, wäre diese Vorrichtung auch in diesem Fall durchaus angebracht.
Lehrkraft mit Gemüt
Zum Schluss wenden wir uns noch kurz der Lehrerin zu, die jahrelang mit Engelsgeduld neben den beiden Schülerinnen steht. Ob sie Erfolg hat oder nicht, wird sie wohl auch in Zukunft nicht verraten. Gutmütig scheint sie wohl zu sein, denn sie trägt sogar einer der Schülerinnen den Ranzen nach. Die Puppenlehrerin ist stolze 70 Zentimeter groß, stammt aus der Puppenfabrik Simon & Halbig, und ihre Halsmarke am hübschen Porzellankopf lautet: 927-13. Vielleicht lehrt sie ja die beiden Schülerinnen nicht nur das Rechnen mittels Rechenschiebemaschine und das Schreiben mit einem Griffel auf der Schiefertafel, sondern auch die Geheimnisse der so genannten Halsmarken.


















