Googlies – die ganz besonderen Puppen

Mit großen Augen

7. März, 2018 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Googlies – die ganz besonderen Puppen

Nach den Schicksalsjahren des Ersten Weltkriegs standen die 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts im Zeichen des Frohsinns, der Lebenslust und waren geprägt von tiefgreifenden Veränderungen. In dieser Zeit entstand ein ganz neuer Puppentyp, das Googly. Es zeichnet sich durch übergroße Augen mit neuen Mechanismen aus.

Ist heute von den berühmten und lebensfrohen 1920er-Jahren die Rede, denkt man an Fröhlichkeit, Ausgelassenheit – aber vielleicht auch Gedankenlosigkeit. Die aufstrebende Industrialisierung und die sich dadurch ändernde Gesellschaft ermöglichten jedem einzelnen die Wahrnehmung eines neuen Lebensgefühls. Die düsteren Jahre der Kriege und Revolutionen wollte man vergessen und sich einfach amüsieren. Kunst, Musik und Mode veränderten sich. Alles wird bunt und beschwingt.

Überzeichnete Charaktere

Diese positive Stimmung wird auch von den Tageszeitungen und Journalen aufgenommen und so erscheinen neben den politischen Karikaturen mit ernsthaftem Hintergrund nun auch Bildergeschichten, deren Protagonisten Geschehnisse des täglichen Lebens lustig überzeichnen. Der Comicstrip oder Cartoon wird geboren. Auch die hierzu benötigten „Hauptdarsteller“ werden übertrieben dargestellt. Um Gemütsbewegungen auf dem kleinsten Raum der Bildgeschichte darzustellen, werden Augen und Mund natürlich übergroß gezeichnet und betont. In den Kinos erscheinen die ersten Zeichentrickfilme, die als Kurzgeschichten diese Technik der Printmedien aufnehmen. Rose O’Neill hatte mit ihren Kewpies, den lustigen und dickbäuchigen Engelchen mit den großen, kindlichen Augen den Geschmack der Zeit getroffen. Aus diesen lustigen, gezeichneten Gesellen entwickelte sich nun wie von selbst eine neue, der Zeit entsprechende Generation von Figuren und Puppen, die den Betrachter einfach nur zum Schmunzeln und Lachen bringen sollten. Die Fertigung kleiner Porzellanfigurinen erlebt in den Thüringer Manufakturen ihren Höhepunkt. Und so werden nicht nur die Helden der Bildergeschichten in Porzellan meist im Auftrag amerikanischer Händler als kleine Figürchen hergestellt, sondern auch viele ähnliche, witzige und mit übergroßen Augen dreinschauende Wesen auf den Markt gebracht.

Ständig werden neue Charaktere modelliert und erfunden. Um die Augen nun besonders ausdrucksvoll zu gestalten, werden neue Schlafaugenmechanismen für die Porzellanfiguren und Puppen erfunden und zum Patent angemeldet. Diese Augenmechanismen mit den nun übergroßen Glasaugen sollen nicht nur schlafen können – also sich schließen, sondern auch wach zu einer Seite blicken. Das hierfür angemeldete Patent nennt sich „Guck Augen“.

Dekorative Stücke

Aber damit keine Missverständnisse aufkommen. Bei diesen Puppen geht es nicht um reines Kinderspielzeug! Sondern um ein kleines, dekoratives Maskottchen, das beispielsweise auf dem Klavier im Salon seinen Platz einnimmt oder liebevoll auf dem Nachttisch platziert an seinen „Schenker“ erinnern soll. Meistens sind es erwachsene Damen und nicht unbedingt kleine Mädchen, die eine solche witzige Figur als Aufmerksamkeit erhalten. Doch diese Wesen, die mit ihren übergroßen Augen und dem immer lachenden, melonenförmigen Mund Fröhlichkeit in die Wohnstuben bringen sollten, brauchten nun auch einen Namen.

Da dieser Trend – wie so vieles – aus Amerika nach Europa schwappt, möchte ich hier auch der amerikanischen Namensgebung folgen. Und in der Tat hat sich mit diesen lustig zur Seite schielenden Wesen ein neues Wort in der amerikanischen Sprache etabliert: Mit dem Begriff „ogling eyes“ bezeichnet man im Englischen gewöhnlich ein kleines Mädchen, das kokett zur Seite blickt. Im Deutschen würden wir sagen: „Sie liebäugelt“. Dieses Wort wurde nun zusammen mit dem deutschen Patentbegriff „Guck Augen“, der für diese Art Puppen genutzt wurde, kombiniert. Zusammen mit dem „G“ entstand nun der Begriff „googling eyes“, der bis heute zur Seite schielende Augen – vor allem im amerikanischen Englisch – bezeichnet. Auf diese Weise hat eine Erfindung der deutschen Puppenindustrie die amerikanische Umgangssprache um einen neuen Begriff bereichert und der neue Puppentyp hatte nun einen eigenen Namen: Das „Googly“ war geboren.

Entstehungsorte

Eine Vielzahl unterschiedlicher Puppenhersteller hat bis in die späten 1930er-Jahre Googlies produziert. Hierzu gehören: J.D. Kestner, Armand Marseille, Hertwig & Co., Bähr & Pröschildt, Kämmer & Reinhardt, Max Handwerck, Hertel, Schwab & Co. Theodor Recknagel, Porzellanfabrik Mengersgreuth, Ernst Heubach und Gebrüder Heubach sowie viele, viele mehr beteiligten sich an diesem neuen Puppentrend, der eine willkommene Einkommensquelle neben der Herstellung traditioneller Spielpuppen darstellte. Googlies wurden aber nicht nur aus Porzellan, sondern auch aus Masse/Haralith (Wagner & Zetzsche), Celluloid (Schildkröt) oder Filz (Lenci) hergestellt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete dieser fröhliche Puppentrend.

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