Drei Puppenkinder von Kämmer & Reinhardt

Kopfsache

11. August, 2011 - Kategorie: Antik & Auktion
Drei Puppenkinder von Kämmer & Reinhardt

Not macht erfinderisch. Eine Maxime, die auch im Geschäftsleben Gültigkeit hat. Denn was tun, wenn die eigenen Produkte am Markt nicht mehr so gut angenommen werden wie erhofft? Vor dieser Schwierigkeit stand unter anderem Kämmer & Reinhardt. Das erfolgreiche „Kaiserbaby“ hatte im frühen 20. Jahrhundert wesentlich zum Erfolg der Manufaktur beigetragen. Um diesen auszubauen, waren neue Ideen erforderlich.

Rückblende. Im Jahr 1908 fand in der Münchener Dependance des Berliner Kaufhauskonzerns Hermann Tietz eine Ausstellung statt, bei der ein Künstler­kreis um die bekannte Künstlerin ­Marion ­Kaulitz eigens entworfene Exponate eines neuen Puppen-Typs präsentierte. Die Aufgabe: Die Sujets sollten Kindern auf der Straße ähneln. Der Erfolg der Aktion war überwältigend, weshalb die Ausstellung ex post gewissermaßen als Geburtsstunde der Charakterpuppe angesehen werden kann.

Lebensecht
Eine Entwicklung, die natürlich auch den bedeutenden Herstellern nicht verborgen blieb. Die Idee, eine ­Puppe so lebensnah wie möglich zu gestalten, wurde dann unter anderem von ­Kämmer & Reinhardt aufgegriffen. Das Ergebnis ist die künstlerisch herausragende und heute in Sammlerkreisen sehr gefragte 100er-Serie – der kommerziell jedoch zunächst kein ­besonders großer Erfolg beschieden war. Lediglich die Babypuppe mit der Nummer 100, das so genannte „Kaiserbaby“, war ein Erfolg. ­Damit reihte sich dieses nahtlos in den ­damaligen Trend ein. Die neuartigen ­Charakterköpfe wurden von den Kindern zunächst nicht angenommen, wohingegen die Babypuppen einen wahrhaftigen Boom erlebten.

Auch diese Kreationen waren lebensnah, vor allem der Kopf und der gut proportionierte Körper wussten zu überzeugen. Weitere Erkennungsmerkmale waren die Glasschlafaugen und die offenen Münder mit den kleinen Zähnchen. Doch auch die von Kindern heißgeliebten Spielobjekte verloren eines schönen Tages langsam aber sicher ihren Reiz. Etwas Neues musste her. Ein Phänomen, das bis heute immer wieder in Bezug auf Mode und Zeitgeist zu beobachten ist.

Variationen
Nun standen die Manufakturen also vor einer Herausforderung. Denn auf der einen Seite waren neue Produkte gefragt. Auf der anderen Seite scheute man jedoch die erheblichen Kosten, die die Neuentwicklung eines speziellen Puppenkopfes mit sich gebracht hätte. Und wie gesagt: Not macht erfinderisch. Die etablierten Porzellanköpfe wurden mit unterschiedlichen Körpern variiert. So kam es dazu, dass Firmen wie ­Kämmer & Reinhardt, ­Kestner oder Franz Schmidt die ent­sprechen­den Produkte in ­verschiedenen Größen anboten. Und während die beiden letztgenannten bei der Markierung penibel zu Werke gingen und die Kurbelköpfe mit zwei verschiedenen Größenangaben versahen, beschränkte man sich bei Kämmer & ­Reinhardt auf eine Sizenummer.

Mit weitreichenden Folgen. Denn heutzutage bedarf es schon einiger ­Erfahrung, um die entsprechenden ­Puppen einwandfrei zuordnen zu können. Denn alleine von der Markierung lassen sich die Geschichte der jeweiligen Puppe und deren Echtheit nicht ablesen. So kommt es immer wieder dazu, dass auf dem Sammlermarkt scheinbar originale ­Expona­te auftauchen, die einer genaueren Expertise jedoch nicht standhalten. Gerade für unerfahrene Sammler kann dies zu kostspieligen Fehlkäufen führen. Und die Faustregel, dass der Größenunterschied zwischen den Baby- und Toddlerpuppen 4 Zenti­meter beträgt, ist auch keine zu 100 ­Prozent verlässliche Richtschnur, wie die im Folgenden vorgestellten drei Puppenkinder der Serie 121 von Kämmer & Reinhardt eindrucksvoll belegen. Denn während die Exponate 30, 48 und 70 Zentimeter messen, lauten die Größen­angaben auf den Köpfen 26, 42 und 62.

Liebliches Aussehen
Wenden wir uns zunächst der kleinsten der drei hier vorgestellten jungen Damen zu. Diese verfügt über ein ausgesprochen schönes Biskuitporzellan und ist angenehm proportioniert. Die ­Modellierung des kleinen Kurbelkopfes genügt höchsten Ansprüchen, selbiges gilt auch für die Bemalung. Die kleinen Wangengrübchen verleihen dem Puppenkind ein liebliches Aussehen. Zum realitätsnahen Gesamteindruck tragen weiterhin die blauen Glasschlafaugen sowie der offene Mund mit den zwei kleinen oberen Zähnchen bei. Ihre originale dunkelblonde Mohairperücke ist typgerecht. Der Toddlerkörper ist sehr gut erhalten und die Markierung lautet:
K & R
Simon & Halbig
121
26

Das 30 Zentimeter große ­Püppchen trägt ein gemustertes Kleid in Lachsrot, das aus duftiger Baumwolle gefertigt ist. Am Koller und am Rocksaum ist es in mehrreihiger cremeweißer Paspelie­rung verziert. Darunter trägt das Exponat spitzenverbrämte Unterwäsche, feine Garnstrümpchen und rehbraune Lederschuhe.

Gut erhalten
Das mittlere Exemplar verfügt ebenfalls über helles Biskuitporzellan, die Wangen sind leicht gerötet. Die Bemalung der Augen- und Mundpartie ist gut. Die Puppe hat blaue Glasschlafaugen und ihre dunkelblonde original Mohairperücke ist mit einer roten Schleife geschmückt. Ihr Toddlerkörper befindet sich in einem bemerkenswert gut erhaltenen Zustand und sie ist wie folgt markiert:
K & R
Simon & Halbig
121
42

Das Puppenkind ist 48 Zentimeter groß und trägt einen Trousseau mit mehreren Kleidern, von denen eines ganz besonders bemerkenswert ist. Es besteht aus transparentem Batist und verfügt über ein Waffelmuster. Darüber trägt sie eine hellbeigefarbene Leinenschürze mit einer gemusterten Borte in hellgrau und rot. Die aufgesetzten Taschen sind mit witzigen Kindermotiven versehen. Unter dem Kleid trägt sie schöne Unterwäsche, weiße Kniestrümpfe sowie rot-weiße Wachstuchschuhe.

Vorzügliche Bemalung
Die Dritte im Bunde ist das größte Exponat, welches mit hochwertigem Biskuitporzellan ausgestattet sowie hell und matt lackiert ist. Die Modellierung ist hierbei ganz besonders gut geglückt, die Bemalung vorzüglich. Die hoch angesetzten Augenbrauen sind in ockerfarben gefiedert gemalt. Die braunen Glasschlafaugen sind von einem exakten Wimpernkranz umgeben, der offene Mund ist zweifarbig bemalt und oben sind zwei Zähne zu erkennen. Die original blonde Mohairpreücke fügt sich absolut stimmig ins Gesamtbild ein. Die Markierung am Hals lautet:
K & R
Simon & Halbig
121
62

Ihr Toddlerkörper ist sehr gut erhalten und die Größe der kompletten Puppe beträgt 70 Zentimeter. Die „Große“ trägt ein wunderschönes Garnspitzenkleid mit einem variantenreichen Mustermix. Darüber findet sich ein cremeweißes, sorgfältig gewebtes Schürzchen, das am Brustteil sowie am Rüschensaum mit einer schmalen, rot-weißen Bandlitze aufgewertet wurde. Ihre zahlreichen Unterröcke verleihen dem gesamten Kleid Fülle und dauer­haften Stand. Dazu ergänzen ihre zartrosa gestrickten Kniestrümpfe und die feinen braunen Lederschuhe ihre in sich stimmige Garderobe.

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