Die fabelhaften Vier

Raritätenkabinett: Vier exquisite Knabenpuppen

26. Februar, 2012 - Kategorie: Antik & Auktion
Die fabelhaften Vier

In ihrem Raritätenkabinett stellt PUPPENMAGAZIN-Autorin Tatjana Ansarian besonders seltene, außerordentlich schöne oder schlicht bemerkenswerte Objekte vor. Um es kurz zu sagen: Raritäten eben. Für diese Ausgabe hat sie vier exquisite Knabenpuppen ausgewählt, die eine besonders vieldeutige Ausstrahlung haben und beispielhaft für einen ganz besonderen Typus der klassischen Charakterpuppe stehen.

Ambitionierte Sammler, die ihrer Leidenschaft mit nicht unerheblichem finanziellem Aufwand frönen, ringen oft Tage und Nächte hindurch mit der Entscheidung für oder gegen den Erwerb eines Kunstwerks. Erst wenn die Überzeugung gereift ist, dass diese ­Puppe – und nur diese – die optimale Bereicherung der eigenen Kollektion ist, schlägt man zu. Die Schwierigkeit, die richtige Wahl zu treffen, hängt vor ­allem mit dem immer komplexer werdenden persönlichen Anforderungsprofil ­zusammen. So ­heißen die (Kauf-)Kriterien nicht mehr große Augen, kleines Mündchen und heller Teint. Es geht in der Regel um schwer fassbare Kategorien wie Ausstrahlung und Vieldeutigkeit.

Beschwichtigendes
Zunächst scheint der Erste der fabelhaften Vier diesen exklusiven Anforderungen gar nicht zu genügen. Denn irgendwie meint man, die fröhlich blickende Knabenpuppe bereits zu kennen. Doch bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass das Kunstwerk über einen selten zu findenden Kurbelkopf verfügt. Bei dem mit beherrschter Handwerklichkeit gestalteten Antlitz richtete sich die Aufmerksamkeit des Künstlers augenscheinlich auf die naturgetreue Wiedergabe eines Kindergesichts. Der Knabe wirkt authentisch, geistreich beobachtet, kraftvoll und überzeugend modelliert. Geradezu radikal neu, wenn man die Entstehungszeit Anfang des 20. Jahrhunderts in Betracht zieht. Der Vollkopf besticht nicht nur durch helles und feinporiges Biskuitporzellan, sondern auch mit einer ausgeprägten Plastizität des modellierten Gesichts. Die Augenlider sind besonders betont, weil der Augenausschnitt relativ schmal ist. Die Oberlippe springt stark hervor, der offen lachende, hellrot bemalte Mund mit Zahnreihe und die bogenförmigen Augenbrauen sind mit mehreren Pinselstrichen aufgesetzt. Verwendet wurden braune Glasaugen, die von vielen exakt bemalten Wimpern umrandet sind. Für die abstehenden Ohren drängt sich das Attribut prägnant auf. Die modellierten Haare mit Stirnlocke sind ockerfarben. Der Puppenjunge ist 54 Zentimeter groß und trägt am Hals die Markierung:

6600
Made in Germany
PR
8

Er ist ein Produkt der ­Porzellanfabrik Paul Rauschert GmbH in Hüttengrund/Hüttensteinach, Sonneberg. Laut Cieslik´s Lexikon der Deutschen Puppenindustrie erfolgte die Gründung durch Paul Rauschert 1898. Im Jahre 1910 wurden erste ­Charakterpuppenköpfe mit gemalten Augen oder auch ­Glasaugen produziert. Der sehr gut ­erhaltene, stämmige Toddlerkörper ist mit der ­geprägten Zahl 54 am Rücken versehen. Er besitzt ein nobles Outfit, bestehend aus einer naturfarbenen, taillierten Filzjacke mit stoffüberzogenen Knöpfchen, darun­ter ein äußerst elegantes Rüschenhemd aus farblich passendem Batist. Der Halsausschnitt wurde mit einem papillonartigen Accessoire aufgeputzt. Die ockerfarbene Leinenhose ist ebenso stilgerecht gearbeitet. Dazu trägt er feine Seidenstrümpfchen und rehbraune Lederstiefelchen mit lachsroten Seidengarnschuhbändern.

Erfolgsmodelle
Die weiteren an dieser Stelle präsentierten Puppenkinder haben eine große ­Ähnlichkeit mit der vorherigen. Sie sind jedoch Produkte der Firma S.F.B.J. Paris (Societe Francais dé Fabrication dé Bébé & Jouetes). Diese wurde im Jahr 1899 gegründet, um der immer stärker werdenden Konkurrenz aus Deutschland Paroli zu bieten. Ihr Direktor: der Deutsche Salomon Fleischmann. Die Firma war ein Zusammenschluss etlicher französischer Puppenhersteller (Bru, Jumeau, Rabery & Delphieu, Fleischmann & Bloedel). Ab 1910 produzierte S.F.B.J. Paris wunderschöne Charakterköpfe, mit denen sie große Triumphe feierte.

Eines dieser Erfolgsmodelle ist eine 34 Zentimeter große Puppe, die über helles Biskuitporzellan und einen sehr gut geformten Kurbelkopf verfügt. Sie hat hellblaue Glasaugen, einen offenen, lächelnden Mund mit Zahnreihe oben und Flocked-Hair. Die Bemalung ist professionell, der Kurbelkopf auf einen sehr gut erhaltenen französischen Toddlerkörper montiert. Gemarkt ist das Exponat wie folgt:

S.F.B.J.
227
Paris
4

Seine Kleidung besteht aus einem einteiligen kniebedeckenden ­Anzug, der am Brustteil filigran mit zwei sich kreuzenden Ankern bestickt wurde, darunter befindet sich eine Applikation in rot-weiß. Darüber eine langärmelige Jacke mit blau-weißem Matrosenkragen. Am Oberarm finden sich dieselben Stickereien und Applikationen. Dazu trägt er weiße Kniestrümpfchen und schwarze Lederschühchen mit Silberspangen. Das dritte Exemplar mit der Halsmarkierung

S.F.B.J.
237
Paris
8

ist 52 Zentimeter groß, das sehr helle Porzellan exquisit und der Kurbelkopf ausgezeichnet geformt. Hervorzuheben ist die Gestaltung der Augen- und Mundpartie. Realistisch wirken das modellierte Haar mit Seitenscheitel und die leicht abstehenden Ohren. Die Bemalung ist famos. Die Brauen sind gefiedert aufgetragen. Die Puppe hat wunderschöne hellblaue Glasaugen, der offen lächelnde Mund ist dezent bemalt und weist oben vier Zähnchen auf. Der Gliederkörper befindet sich in einem sehr guten Erhaltungszustand. Die bemerkenswerte Kleidung besteht aus einer ansprechenden Uniform mit einer taubenblauen Leinenjacke samt Goldknöpfchen. Die Manschetten und der Stehkragen sind aus dichtgewebtem, Bordeaux-farbenem Wollstoff gearbeitet. Die dazugehörige rote Hose ist mit taubenblauen und goldfarbenen Ripsbändern aufgeputzt. Auf dem Kopf sitzt ein farblich stimmiger Tschako in Blau-Bordeaux und Gold. Das Außergewöhnliche und Faszinierende, das diese Knabenpuppe ausstrahlt, ist das Rätselhafte, das darin verborgen ist. Ganz egal, ob man ihr nun zum ersten oder zum hundertsten Mal gegenübersteht – die ­geheimnisvolle Aura bleibt.

Und schließlich wäre da noch die vierte, 50 Zentimeter große Knabenpuppe, die wie folgt gemarkt ist:

21
S.F.B.J.
252
Paris

Die Sonderstellung, die dieser ­Puppe unter den Produkten der Firma S.F.B.J. zukommt, bedarf einer expliziten Würdigung. Sie ist die am ausgeprägtes­ten modellierte Puppe überhaupt, wenn man von manchen grotesken Charakterpuppen aus dem Hause ­Jumeau einmal absieht. Die Wärme und die eige­ne Farbigkeit, die starke Ausdruckskraft, die Größe, die herrliche handgearbeitete Kleidung und der unbespielte Zustand geben diesem Exem­plar einen hohen Wert.

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