Charakterpuppe von Franz Schmidt

Familienzuwachs

16. Mai, 2011 - Kategorie: Antik & Auktion
Charakterpuppe von Franz Schmidt

Babypuppen mit Porzellankopf aus der Zeit zwischen 1900 und 1930 sind bei Sammlern nach wie vor sehr begehrt. Auf den ersten Blick scheinen sich etliche dieser haarlosen Wesen – ihr kühles Köpfchen wurde einst nur mit sehr feinen und wenigen Haarstrichen versehen – äußerst ähnlich zu sehen. Und doch sind gravierende Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Babytypen aus unterschiedlichen Manufakturen zu entdecken.

Langjährige Sammler werden sich sofort an die Charakterpuppen und -babys aus der Thüringer Porzellanmanufaktur von Kämmer & Reinhardt in Waltershausen erinnern. Besonders an das so genannte „Kaiserbaby“. Bei diesem ausgefallenen Wesen handelt es sich um eine noch immer beliebte und gut bezahlte Sammlerpuppe, die durch besonders auffallende „Charakterzüge“ im Gesicht ihren Namen erhielt. Aber wie das so ist im Leben: die einen waren und sind noch heute begeistert von so viel „Natürlichkeit“, andere fanden und finden sie schlichtweg scheußlich.

Der kleine Franz

So lag es damals natürlich nahe, dass auch andere Puppen­fabriken, die sich in Thüringen um die vorige Jahrhundertwende wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihten, die so genannte „­Charakterbabys“ herstellten. In der Regel mit ebenso großem Erfolg wie Kämmer & Reinhardt. Und nun sind wir auch schon bei Franz Schmidt, der die hier gezeigte Babypuppe – natürlich auch eine kleine Charakterpuppe – herstellte.

Der kleine „Franz Schmidt“, wie die Puppe in unserem Hause schlicht und einfach genannt wird, hat ein mehr als beachtenswertes Schicksal hinter sich. Und dass er überhaupt noch am Puppenleben ist, verdankt er lediglich einem kuriosen Zufall. Viele von Ihnen werden jetzt wohl seufzen und sich erinnern. „Ja, wir hatten auch einmal diese oder jene Puppe von den Eltern oder Großeltern, die mir noch in Erinnerung geblieben ist, doch niemand weiß, wo sie gelandet ist. Das hätte sich eigentlich auch genauso bei uns zutragen können.“

Das Kuriose ist, dass in unserem Hause schon sehr viele Jahre fach- und sachkundig eine historische Kinderspielzeugsammlung zusammengetragen wurde, die dann zwölf Jahre Bestand eines Spielzeug- und Kinderwelt Museums in Niedersachsen war. Zusätzlich wurden thematische Sonderausstellungen, speziell in der Weihnachtszeit, an meist größere Museen ausgeliehen.

Dass in einem solchen passionierten Sammlerhaushalt jedes Objekt seine ganz besondere Fürsorge erfährt und ausgiebig erforscht wird, ist natürlich selbstverständlich. Und nun komme ich zurück zu unserem kleinen „Fränzchen Schmidt“, der nicht wie all die anderen Objekte auf Spezialbörsen, Antikmärkten, auf Auktio­nen, auch Flohmärkten sowie von Privathand erworben wurde, sondern der sich still und klammheimlich im eigenen Haus auf dem Boden versteckte und auf seine (Wieder-)Entdeckung wartete. Er tat das allerdings so effektiv und so unauffällig, dass es ihn beinahe das Leben gekostet hätte.

König Zufall

Nach vielen Jahren sollte endlich einmal wieder der Dachboden unseres Privathauses aufgeräumt und gereinigt werden. Viel stand eigentlich gar nicht mehr herum. Aber ein großer, altmodischer Koffer, mit dem vermutlich Generationen vor uns verreist waren, kam in einer dunklen Ecke zum Vorschein. Schaut man nun hinein oder nicht? Was sollte schon drin sein? Das Schloss klemmte und schließlich wurde doch Gewalt angewendet. Zum Vorschein kam einzig ein alter Schuhkarton, in dem sich geknüllte Zeitungen befanden. Beinahe hätten wir nicht einmal hineingeschaut. Aber wir taten es doch. Und da strahlte uns ein zwar angestaubtes, aber fröhlich lächelndes Puppenbaby mit braunen Augen an. Es war unser „Fränzchen Schmidt“.

Bevor nun dieser merkwürdige Zugang in die Sammlung integriert werden sollte, wurde das Puppenbaby natürlich gründlich, aber dennoch sehr vorsichtig gesäubert. Es war leider nicht ausgeblieben, dass Hände und Füße – die aus Mischmasse gefertigt sind – etliche Abstöße besitzen. Schließlich war Fränzchen einmal eine echte Spielpuppe einer Verwandten von uns. Und die ging damals offensichtlich genauso wenig zimperlich mit ihrem Kind um, wie etliche andere Puppenmütter vor und nach ihr. Diese Tatsache wird heute leider oft vergessen, da immer wieder tadellos erhaltene Exemplare ohne Fehl und Tadel verlangt werden. Sie sind ja auch wirklich zauberhaft, aber ob sie einst wirklich eine „Lieblingspuppe“ waren, kann man wohl kaum annehmen. Fränzchens Porzellankopf ist aber noch so schön wie in jüngsten Tagen. Der gesamte Babykörper aus Mischmasse hat allerdings an einigen Stellen unter der Last der Jahre gelitten. Es wurde eben gern mit ihm gespielt. Welch ein Glück.

Zungenschlag

Die Halsmarke im Nacken lautet F.S. & Co. 1272/40 Deponiert. Die 40 steht für die Größenangabe. Den Kleinen zeichnen nun so einige Besonderheiten aus, die man auf den ersten Blick nicht sofort erkennen kann. Er hat nämlich offene Nasenlöcher und sein geöffneter Mund eine bewegliche Zunge. Sitzt die Puppe still vor dem Betrachter fällt beides nicht auf. Doch legt man das Baby zum Schlafen hin, schließen sich die Lider, wie bei vielen anderen Babypuppen auch. Die Zunge weicht nun in den dunklen Hohlkopf zurück. Zwei schneeweiße Zähnchen bleiben allerdings unter der leicht geöffneten Oberlippe sichtbar.

Die offenen Nasenlöcher bekamen bereits im Jahr 1912 auch etliche andere Puppen in der Puppenfabrik von Franz Schmidt. Das Patent mit der beweglichen Zunge geht auf das Jahr 1913 zurück. Eingefleischte Sammler wissen, dass es damals schon einen großen Konkurrenzkampf zwischen den Puppenherstellern in Thüringen gab. Wer machte die schönsten, die gefälligsten, vielleicht auch die ausgefallensten Puppen? Wer traf den Geschmack der Käuferschichten und den der Kinder? Eine Neuheit jagte die andere. In der Regel waren alle Puppenfabriken gut beschäftigt. Mit günstigen Heimarbeiterinnen konnte man die Preise konkurrenzfähig halten und schließlich sind die Geschmäcker ja durchaus verschieden.

Kooperation

In Ciesliks Puppenlexikon von 1984 können interessierte Sammler folgendes nachlesen: „Als die Charakterpuppe von Kämmer & Reinhardt, Waltershausen vorgestellt wurde, entwickelte Franz Schmidt innerhalb kurzer Zeit eigene Charaktertypen, die von den Kunden dankbar angenommen wurden. Franz Schmidt gelang es auch als erstem, den Charakterpuppen Glasaugen einzusetzen und Schlafaugen einzumontieren.“ Und so erfahren wir auch, dass viele Erfindungen und Entwicklungen der Puppengeschichte auch auf die Ideen des Tüftlers Franz Schmidt zurückgehen. Seine Bisquit- und Porzellanköpfe ließ Franz Schmidt übrigens nach eigenen Modellen bei Simon & Halbig in Gräfenhein herstellen. Es war neben allem Konkurrenzdenken also auch stets eine für alle Seiten gewinnbringende Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen Manufakturen zu verzeichnen. Hier hat sich vielleicht nicht allzu viel bis in die heutige Zeit geändert. Eins jedoch schon: die Puppen, von denen hier die Rede ist, auch das kleine Puppenbaby Fränzchen, sind inzwischen Antiquitäten geworden. Nicht gerade für Kinderhände gedacht, aber liebenswert und noch immer sammlungswürdig. Das steht fest.

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