Bietergefecht um Kinderbuchmanuskript

Puppe Rosemarie

5. Juli, 2017 - Kategorie: Antik & Auktion
Bietergefecht um Kinderbuchmanuskript

Für Käthe Kruse-Sammler ergab sich in diesem Jahr eine noch nie dagewesene Möglichkeit, ein einmaliges Stück Zeitgeschichte zu erstehen. Beim Berliner Auktionshaus Bassenge kam ein unveröffentlichtes Kinderbuchmanuskript – liebevoll verfasst und illustriert von der Künstlern Lia Döring – unter den Hammer. In Auftrag gegeben wurde es um 1930 von Käthe Kruse.

Die Mitarbeiter des bekannten Berliner Auktionshaus Bassenge waren erstaunt: Nach einem heftigen Bietergefecht am Telefon und im Auktionssaal erhielt ein bislang unbekanntes und unveröffentlichtes Manuskript eines Kinderbuches den ungewöhnlich hohen Zuschlag von 2.600,– Euro. Der Käufer hat also für dieses Manuskript inklusive Aufgeld über 3.100,– Euro investiert. Diese Leidenschaft der Sammlerinnen und Sammler von Käthe Kruse-Puppen hatte die Belegschaft von Bassenge bislang noch nicht erlebt, denn das Manuskript war ursprünglich von der berühmten Puppenfabrikantin in Auftrag gegeben worden.

Marketing-Strategie

Bereits relativ früh hatte Käthe Kruse erkannt, dass sie ihre Puppen nur dann in den Kinderzimmern etablieren konnte, wenn sie sowohl ihren Namen und als auch ihre Puppen auf vielen verschiedenen Wegen bekannt machte. Zusätzlich ermöglichten Postkarten und Bücher, dass Kinder von Kruse-Puppen träumen konnten, auch wenn ihre Eltern finanziell nicht in der Lage waren, diese zu erwerben. Bücher mit gezeichneten und fotografierten Puppen sind in verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Sprachen aufgelegt und verbreitet worden. Diese wurden im Auftrag oder in enger Absprache mit Käthe Kruse erstellt.

Ein solcher Auftrag ist anscheinend um 1930 auch an Lia Döring gegangen, die zwischen 1900 und 1940 zahlreiche Bilder für Postkarten entwarf. Vor allem war sie auch als Illustratorin für Kinderbücher in den süddeutschen Verlagen Ensslin & Laiblin in Reutlingen sowie Joseph Scholz in Mainz tätig. Ihre Bilderbuch­illustrationen schuf sie vor allem zu Versen der in dieser Zeit erfolgreichen Autorin Frida Schanz. Das geplante Buch sollte die fröhlichen Erlebnisse einer Käthe Kruse-Puppe in Bildern und Versen schildern und scheint das einzige Buch zu sein, zu dem Lia Döring auch den Text verfasste.

Warum es Käthe Kruse bei der Abnahme nicht gefiel – wie es die Erben Lia Dörings schilderten – ist leider nicht bekannt. Es ist zu vermuten, dass dieses Buch nicht mehr zu der in den 1930er-Jahren veränderten Firmenstrategie passte. Käthe Kruse hatte finanzielle Probleme, musste ihre Produktpalette vereinfachen und die von Lia Döring gezeichnete „dicke“ Puppe I wurde aus dem Programm genommen und nicht mehr hergestellt. Auf alle Fälle wurde es – aus heutiger Sicht müssen wir sagen: Zum Bedauern aller Käthe Kruse Begeisterten – nicht wie geplant im Mainzer Verlag Scholz veröffentlicht.

Seltenes Original

Das versteigerte Originalmanuskript ist nahezu quadratisch (22,5 x 21,5 Zentimeter) und umfasst 33 originale Tuschefederzeichnungen, von denen elf koloriert sind. Im Manuskript finden sich auch zahlreiche Anmerkungen wie zum Beispiel Über- oder Unterschriften zu den Bildern sowie der auf vier Seiten mit Schreibmaschine getippte Text, der die Erlebnisse von Puppe Rosemarie erzählt.

Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, dass das Manuskript nicht veröffentlicht wurde. Der Auktionskatalog formulierte es so: „Der Grund für die Ablehnung durch Frau Kruse lag sicher nicht in der Qualität der Illustrationen, die in phantasievoller Weise ihre berühmte Puppenwelt Gestalt werden lassen.“ Die Zeichnungen Lia Dörings stellen fast ausschließlich „dicke“ Puppen I in verschiedenen Situationen dar und deren Kleidungen sind durch Katalog- und Buchabbildungen inspiriert. Nur das neue Puppenpärchen „Ilsebill und Friedebald“ (Puppe VIII) sind ganz detailgetreu wiedergegeben. Hieran erkennt man die Reklamewirkung, die sich Käthe Kruse von solchen Büchern erhoffte. Denn dieses Puppenpärchen VIII erfuhr gerade zu dieser Zeit seine erfolgreiche Markteinführung.

Doch wie kommt es, dass eine Puppe auf große Reise geht und dabei viele verschiedene Erlebnisse hat? Lia Döring leitet ihre Geschichte folgendermaßen ein:

„Als unser Lottchen heute schlief,
da kam ein großer bunter Brief
für ihre Lieblingspuppe an,
die schon ganz richtig lesen kann.
Die Schrift war auch sehr klar und rein:
sollt‘ Rosemarie erscheinen
und sich mit ihnen vereinen.“
Dass Puppe Rosemarie anschließend mit einem Wagen durch die Lande gefahren wird, erinnert an Käthe Kruse, die immer von ihren Kindern durch Deutschland chauffiert wurde, selbst aber nie einen Führerschein besaß.

Leider ist unbekannt, wer das Originalmanuskript ersteigert hat. Alle Sammlerinnen und Sammler von Käthe Kruse Puppen würden sich sicherlich freuen, wenn das Manuskript eines Tages ausgestellt oder sogar gedruckt und veröffentlicht wird. Der Dank des Autoren geht an Katharina W. aus Kiel, die ihn auf das Manuskript aufmerksam gemacht und seine Recherche unterstützt hat.

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