Biedermeierdame im Rothenburger Museum

Bestimmung

16. Mai, 2011 - Kategorie: Antik & Auktion
Biedermeierdame im Rothenburger Museum

Sie haben sich einen Stuhl herangezogen, um die alte Puppe in der Museumsvitrine in Ruhe betrachten zu können. Schön wäre es jetzt, wie eine Perlenkette all die Informationen in der Hand zu halten, die sich mit ihr verbinden – angefangen mit der Person des Puppenmachers, seinem Arbeitsort und seinen Lebensdaten, weiter mit der ersten kleinen Besitzerin und so fort bis hin zum heutigen Tag.

Doch leider, leider erreicht uns meist nur die allerletzte Perle, von der es zum Beispiel im Bestandskatalog heißt: „Ersteigert am … im Auktionshaus X“ oder „Herr Y stiftete die Puppe am … dem Museum in Z“.

Eine ansehnliche junge Frau

Die Biedermeierpuppe aus dem Puppen- und Spielzeugmuseum zu Rothenburg ob der Tauber, die ich Ihnen hier vorstelle, hält uns mit ihrem unnachahmlichen Lächeln vier Perlen entgegen: zwei vom Anfang ihrer imaginären Kette und zwei von heute. Und all jene zwischen damals und jetzt? Die verbirgt sie vor uns. Aber immerhin: wir sehen Anfang und Ende und das ist, wie wir wissen, etwas Seltenes und, nach all meinen Erfahrungen mit alten Museums­­puppen, etwas ganz Besonderes. Schauen wir sie uns also an, diese Biedermeierpuppe mit einer „Bestimmung“.

Die 60 Zentimeter große Puppe hat einen Brustblattkopf aus Papiermaché und einen Ziegenleder-Körper. Verbürgt ist ihr Ankauf im Jahr 1857 in Sameden im Engadin, wobei diese Stadt keineswegs auch der Herstellungsort sein muss. Eine Schönheit ist sie nicht, dafür eine hübsche, freundliche kleine Person mit einem aufmerksamen Blick. Die Modellierung von Nase, Mund, Wangen und Jochbein wurde mehrfach übermalt; die heutige Erscheinung entspricht also nicht exakt der ursprünglichen. Wangen, Lippen und Nasenpunkt sind vom gleichen Rot-Ton, wobei ein Teil des Lippen-Rots zu fehlen scheint. Die Augenfarbe könnte möglicherweise mehrfach verändert worden sein; das jetzige Königsblau setzt sich nur mühsam gegen das Pupillenschwarz ab.

Kopfsache

Der ovale Kopf mit dem kräftigen Hals sitzt nicht mittig auf der Brustplatte. Er wird von einer Perücke mit rotbraunen Haaren eingerahmt. Ausgehend von einem Mittelscheitel, werden die Flechten hinten von einer schwarzen Schleife zusammengehalten. Ganz offensichtlich wurde häufig „Frisieren“ gespielt. Bewegen läßt sich der Kopf nicht, da er in einem Stück vom Scheitel bis unterhalb der Brüste reicht. Diese sind derart hoch angesetzt, wie wir es von Schönheiten aus der Zeit der Gotik ­kennen. Dieser Papiermaché-Kopf hat an seinem unteren Ende vorne und hinten je ein Loch, durch das der Faden gezogen wird, welcher der Verbindung von Kopf und Körper dient. Die Brustplatte ist mit Watte abgepolstert, um ihr einen guten Sitz auf dem Körper zu ­ermöglichen. Die relativ schmalen, abfallenden Schultern folgen dem weiblichen Ideal der Biedermeierzeit.

Ebenso geschickt modelliert wie die Brüste aus Papiermaché sind Details des überschlanken Körpers aus Ziegenleder: Bäuchlein, Knie, Waden, einzeln abgenähte Finger. Leider kann die Puppe nicht sitzen und verbringt deshalb ihr Leben im Liegen und angelehntem oder gestütztem Stehen.

Kleider machen Leute

Was das Biedermeiergeschöpf an Kleidung über die Zeiten hat retten können, ist zwar deutlich gebraucht, doch von sehr gekonnter Verarbeitung. Der Mantel ist derart auf Figur geschneidert, dass wir ihn heute als Mantelkleid bezeichnen würden. Wie gut, dass sie nur Unterwäsche und nicht noch ein Kleid darunter trägt. Der Mantel ist aus einem Stoff mit einem Paisleymuster in Blau, Dunkel- und Hellrot genäht. Er hat einen breiten, dunkelroten Pelzbesatz an Saum, Ärmeln und Hals sowie zusätzlich eine gekräuselte, weiße Spitzenborte am Hals und an den Bündchen. Vorne sitzt eine Reihe von zwölf glänzenden Knöpfen. Zusammengehalten wird der mit königsblauem Stoff abgefütterte Mantel von einem Pelzgürtel.
Im Gegensatz zum Mantel wurde die weiße, zweiteilige Unterwäsche versäubert. Der Unterrock ist aus gestepptem Molton gearbeitet. Die je zwei übereinander befestigten Ösen und das eine Hakenpaar ermöglichen ein Schließen je nach momentanem Taillenumfang – sehr erleichternd nach einem üppigen Puppenmahl. Das Unterkleid von Batist hat kurze Ärmel und einen großen Halsausschnitt, der im Nacken mit Haken und Öse geschlossen wird. Die Strohhaube ist mit hauchdünnem, weißem Stoff abgefüttert und außen mit champagnerfarbenem Stoff und schwarzer Spitze kaschiert. Zwei zur Schleife geschlungene schwarze Spitzenbänder halten die Haube unterm Kinn fest.

Mit Bestimmtheit

Sie ist groß, schlank, hübsch und für ihr Alter gut erhalten. Sie trägt originale Kleidung und schlummert, wenn sie denn nicht ausgestellt ist, in einem eigenen, länglich-ovalen Karton. Dieser ist außen mit gemustertem grünem Papier bezogen, innen mit vergilbtem weißem. Und: sie ist kein „Niemand“, sondern hat eigene Papiere.

Zwei handschriftliche Notizen begleiten sie, eine von 1860, eine von 1912. Die ältere ist in Sütterlin verfasst, die andere mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Sie lauten:

„Diese Puppe stammt aus dem Engadin u. zwar aus Sameden woher sie der liebe Groß­papa im Jahr 1857 von seiner Reise für Luitgard mitbrachte. Da nun aber der geliebte Großpapa nicht mehr lebt – so soll diese Puppe als ein theures Andenken aufbewahrt werden von Kind auf Kindeskind! Dies wünscht und verlangt Lina v. Schilling. Offenburg, den Dez. 1860.“

„Enthält eine Bestimmung der Freifrau Lina Schilling von Canstatt über die Puppe, die ihr Mann für seine Tochter Luitgard, der nachmaligen Frau Paul Rainiger, aus dem Engadin mitbrachte. Diese Bestimmung habe ich zufällig aufgefunden und durch den Buchbinder mit Leinewand unterkleben lassen, um das Schriftstück vor dem Verderb zu bewahren. Heidelberg (Haus Rotenbühl) im November 1912, Guido Scheer.“

Auswertung

Damit existieren folgende Fixpunkte: 1857 wurde sie im En­gadin von einem liebenden Großvater für seine Enkelin erworben. Unklar ist das exakte verwandtschaftliche Verhältnis: Wurde die Puppe wirklich der Enkelin mitgebracht, wie es die Bestimmung von 1860 nahelegt, oder doch für die Tochter, wie man aus dem Text von 1912 vermuten könnte? 1860 verfügte die Ehefrau des Erwerbers, die Puppe möge für immer in der Familie bleiben. 1912 sorgte ein neuer Puppenbesitzer dafür, dass das Blatt der 1860er-Bestimmung durch einen Buchbinder restauriert und somit erhalten wurde. Um das Jahr 1974 erhielt die Puppensammlerin und -händlerin Brigitte Lohrmann diese Puppe als Geschenk. Sie gehörte in dieser Zeit zu der ersten Generation der Puppenfreunde und hat sich große Verdienste um diese „Szene“ erworben.

Frau Lohrmann hatte sich in den 17 Jahren, während derer sie auf der Schwä­bischen Alb lebte, mit Frau Marie-Luise Otto, geborene von Spee, angefreundet, die in der Stadt in einem Schloss lebte. Ein Gesprächsthema unter vielen war das alte Spielzeug dieser Familie, wobei ein Puppengeschirr besonderes Entzücken hervorrief. Nachdem Brigitte Lohrmann nach Hamburg gezogen war, schickte ihr Frau Otto mit der Post nach und nach einige dieser Spielsachen. Für den Transport eines ganz besonderen Stücks sorgten um 1974 Frau Lohrmanns Eltern, und dieses Stück, das sie zuvor noch nie gesehen hatte, eroberte ihr Herz: eine Biedermeierpuppe in ihrer grünen Originalverpackung.

Äußere Gründe zwangen sie 2009 unter Zeitdruck, ihren Museumsbestand zu veräußern. Wahrscheinlich bei diesem überhasteten Zusammenpacken ging das Kleid verloren. Katharina Engels,
die Chefin des Puppen- und Spielzeugmuseums in Rothenburg ob der Tauber, ersteigerte die Puppe mitsamt den Kleidungs­stücken und Kopien der Briefe. Die Originale befinden sich weiterhin in Frau Lohrmanns Besitz.

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