Variationen als Stil

Die Kunst der Elisabeth Flueler-Tomamichel

2. Juli, 2012 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Variationen als Stil

Ihr Portfolio ist groß. Egal ob detailreich ausgearbeitete Puppe, figurative Objektkunst oder Fabelwesen: Die Schweizerin Elisabeth Flueler-Tomamichel ist vielseitig. Sie hat die internationale Puppenszene maßgeblich geprägt und begeistert Liebhaber ihrer Kunst mit immer neuen Ideen und ausgefallenen Kreationen. Dabei fertigt sie jedes Kunstwerk nur ein einziges Mal.

Anfang Siebzig ist Elisabeth Flueler-Tomamichel, aber das sieht man ihr nicht an. Strahlend und aus ihrer Lebenserfahrung schöpfend liebt sie den Kontakt zu Gleichgesinnten. In diesem Jahr feiert sie ihr 35-jähriges Künstlerjubiläum – und zählt damit zu den „Grandes Dames“ der Puppenkunst. Wie fing ihre Karriere an? Ihr Vater war bereits als Maler und Modelleur kreativ tätig. „Ich musste mir also etwas anderes, eigenes suchen, denn diese Darstellungsformen waren ja besetzt“, so erinnert sich die Schweizerin zurück. Sie selber wählte den Weg über die Mode, lernte zunächst Damenschneiderin und absolvierte dann eine künstlerische Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Zürich, heute Hochschule der Künste.

Die Anfänge

Die Puppenkunst wurde ihr Metier: 1977 fertigte sie ihr erstes Objekt, das sie bei einem Wettbewerb einreichte. Unter 2.500 Einsendungen wurde ihre Einreichung zu den 500 Exponaten gewählt, die später ausgestellt wurden. Diese Puppe verfügte über 13 Gelenke und trug ein Outfit, das die Künstlerin aus dem Stoff eines Kleides ihrer Mutter nähte. Das Kunstwerk hält sie bis heute in Ehren. Im Jahr 1992 wurde sie als viertes ausländisches Mitglied des National Institute of American Doll Artists (NIADA) aufgenommen. Sie war Gründungsmitglied des Verbands europäischer Puppenkünstler (VeP) und ist beratendes Jurymitglied des Max-Oscar-Arnold-Kunstpreises der Stadt Neustadt bei Coburg.

2001 erhielt sie selbst den „Puppen-Oscar“ für ihr Lebenswerk, der durch den Kultursenat der Stadt Neustadt verliehen wird. Doch gerade in dieser Hochphase der Puppenkunst und ihres persönlichen Erfolgs wurde es stiller um sie. Sie kümmerte sich um ihren ­schwerkranken Ehemann, wissend, dass sie bald Abschied von ihm würde nehmen müssen. Für das Modellieren und Puppenmachen blieb kaum Zeit und Muße. Doch eines Morgens, als sie gerade aufgewacht war, stand ihr das Bild eines Engels vor Augen – eine Figur, die sie unbedingt machen musste. Ihr Mann ermunterte sie, schlug ihre Zweifel in den Wind, dass sie nicht genügend Zeit habe. Mit Freude nahm sie die Arbeit an dem Engel auf, auch wenn sie diese Zeit nicht bei ihrem Mann verbringen konnte. Stolz präsentierte sie ihm das fertige Objekt. „Da steckt sehr viel von dir drin“, waren seine Worte, als er den Engel sah. Dieser spendete beiden Trost in der schweren Zeit, und Elisabeth Flueler-Tomamichel wusste nun, dass es dieser Engel war, den sie ihrem Mann mitgeben konnte.

Mit ruhigen Worten erzählt sie die Geschichte und in ihrer ­Stimme schwingt auch nach den vielen Jahren, seit ihr Mann gestorben ist, eine große Gefühlsbewegung und Liebe mit. Aber auch eine innere Kraft und starke Persönlichkeit. „Im Grunde haben alle meine Puppen eine Entstehungsgeschichte, ähnlich wie bei einer Schwangerschaft“, fährt sie fort, das Thema auf die Puppen lenkend. Sie möchte eben nicht nur schöne Puppen machen, sondern Objekte mit einer starken Aussagekraft. Perfektionismus ist ihre Stärke, aber zugleich auch ein Hemmschuh, der den Strom ihrer Fantasie und Kreativität manchmal durchkreuzt. Beides beeinflusst ihre ­Arbeiten, von denen seit jeher nur wenige pro Jahr entstehen. So ist das eben, wenn die Objekte nicht nur oberflächlich „schön“ sein sollen, ­sondern eine Idee, ein Motiv verkörpern.

Beispielhaft

Dies trifft zum Beispiel auf die „Infantin“ zu, die sie 2008 für die Sonderausstellung „Frauen(-zimmer) und (Weibs-)bilder“ im Neustädter Museum fertigte. Inspiriert hatten sie die Bilder des spanischen Malers Diego Velasquez (1599-1660). Unermesslich reich und mächtig war die Familie der dargestellten Prinzessin, und das Kind wurde in kostbare, aber vollkommen unpraktische und – aus heutiger Sicht – nicht kindgerechte Kleider gezwängt. Viel schlimmer aber waren die Konventionen und starren Regeln des höfischen Lebens, denen sich alle Familienmitglieder unterwerfen mussten. Unglücklich sieht die Infantin von Elisabeth Flueler-­Tomamichel aus, mehr als die Blicke auf den Gemälden verraten. „Mein Gedanke dabei war, dass Reichtum allein nicht glücklich macht und die ­Einengung in die Etikette der damaligen Zeit, die sich auch im Kostüm äußert, bleibt.“

Solche Gegensätze und Polaritäten sind charakteristisch für das Werk von Elisabeth Flueler-Tomamichel. Ebenfalls in einer Sonderausstellung in Neustadt, die den Titel „Gelb Rot Blau“ trug, präsentierte sie einen Engel, den sie mit „Werden und Vergehen“ betitelte. „Wird eine Scheibe mit Farbe rasch gedreht, erscheint sie weiß. Mein Engel ist nicht ganz weiß und definiert für mich den Schritt davor oder danach, kann also Anfang oder Ende, Schöpfung oder Auflösung bedeuten“, erklärt Elisabeth Flueler-Tomamichel. Auch nach 35 kreativen Jahren hält sich die Künstlerin an ihr Erfolgs­rezept: immer neue Ideen, Materialien und Motive umzusetzen. Sie passt in keine Schublade, ihr Stil ist die Variation.

Sagenwelt

In den vergangenen vier Jahren arbeitete die Künstlerin an Objekten für eine ganz besondere Ausstellung in Bosco Gurin, dem Heimatort ihres Vaters. Die einzige deutschsprachige Gemeinde im Schweizer Kanton Tessin mit ihrem speziellen Guriner Dialekt und eigener Kultur pflegt ihr seit Jahrhunderten überliefertes Brauchtum, zu dem auch eine Sagenwelt mit mysteriösen Fabelwesen zählt. Das kleine Dorf zeigt noch bis zum 31. Oktober 2012 im Walserhaus eine Sonderausstellung, in der Exponate von Elisabeth Flueler-Tomamichel und Kurt Hutterli Brücken zu der Geschichte und Sagenwelt der Guriner schlagen.

Im Zentrum stehen die „Weltu“, die Wilden mit übernatürli­chen Kräften. Sie konnten beispielsweise Kohle zu Gold verwandeln. Diese wunderbare Sagenwelt hat ­Elisabeth Flueler-Tomamichel in den 20 von ihr gestalte­ten Figuren aufleben lassen. Ein Abstecher ins 1.500 Meter hoch ge­legene Bergdorf Bosco Gurin lohnt sich also auf jeden Fall. Es ergeben sich neue Einblicke in die Geschichte der Region und der Menschen, die dort wohnen.

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