Sicherheit für Online-Käufer

Original oder Fälschung?

6. November, 2014 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Sicherheit für Online-Käufer

Man kann nicht zu jeder Börse reisen. Aber dank des Internets können Sammler bequem von zuhause auf die begehrte Puppe, den niedlichen Teddy oder den gut erhaltenen Puppenherd bieten. Auf diese Weise lässt sich manch gutes Stück ergattern, aber auch gelegentlich eine schlimme Erfahrung machen.

Auf einer Börse kann man die Puppe, für die man sich interes­siert, in die Hand nehmen und genau in Augenschein nehmen. Im Internet ist dies nur bedingt möglich. Die Angst davor, einen Fehlkauf zu tätigen, hält einige Sammler davon ab, online zu kaufen. Der Kunde genießt jedoch – entgegen der üblichen Befürchtung – auch auf diesem Handelsplatz Schutz vor Fehlkäufen, wie die folgende Geschichte zeigt.

Online-Kauf

Gelegentlich sieht man auf der Auktionsplattform eBay eine schöne Puppe, gut beschrieben, mit vielen Abbildungen und noch dazu selten. Schon schlägt das Sammlerherz höher. Das könnte ein Glückstag sein. So ging es auch einer Puppenliebhaberin, nennen wir sie hier zu ihrem Schutz einfach „Frau Sammel“. Sie entdeckte zwei Angebote für zwei außerordentlich rare farbige Babys der Gebrüder Heubach mit den Seriennummer 7670 und 7671 bei eBay.
Die Gebrüder aus Lichte waren bekannt für ihre unglaubliche Fülle verschiedener Modelle. Eine nahezu unübersehbare Vielfalt an Variationen wurde in kürzester Zeit in der Porzellanfabrik gegossen. Dies gelang nicht zuletzt deshalb, weil sich das Unternehmen sparte, selbst die Körper herzustellen und sich nur auf Köpfe spezialisierte. Diese Veränderung in der Szene zeigte sich bunt und vielschichtig, die Gesichter der kleinen Heubach-Geschöpfe bekamen ein intensives Minenspiel und die Zahl der Modelle wuchs so sehr, dass bis heute noch nicht alles katalogisiert werden konnte.

Vielfalt in kleinen Auflagen

Die große Vielfalt hatte Folgen: Die ausdrucksstarken Puppen aus Lichte wurden teilweise in extrem kleinen Auflagen produziert und sie sind sehr begehrt. Leider gibt es Serien, von denen nur noch wenige Exemplare existieren und sogar solche, die zwar als Nummer vermerkt sind, kaum jemals aber als Puppe in den Büchern oder Auktionskatalogen auftauchen. Frau Sammel war natürlich hoch entzückt, als sie das seltene farbige Geschwisterpaar entdeckte. Als Herstellungsjahr wurde „etwa 1915“ angegeben. Mehrere Fotos zeigten die Puppen von allen Seiten, die Köpfe schienen einwandfrei, die Körper ein wenig abgeschabt und vom Zahn der Zeit lädiert. Frau Sammel gab auf die Puppen Gebote ab und erhielt die Zuschläge für zusammen 1.274,30 Euro.

Aber dann gab es eine andere Art von Schlag, nämlich als die Käuferin die erworbenen Puppen auspackte. Soweit sich Frau Sammel auskannte, kamen ihr die Baby-Körper sofort neu vor. Mit böser Vorahnung untersuchte sie die kleinen Köpfchen genauer und stellte fest, dass sie im Inneren nicht etwa weißes oder rosafarbenes Porzellan hatten, sondern bräunlich durchgefärbt waren.

Kontroversen

Auf die Schilderung des langen Hin und Her mit Telefonaten, Rückgabeversuch und unterschiedlich Behauptungen wird hier verzichtet. Sachlage war letztlich, dass der Verkäufer erklärte, er habe originale alte Puppen, wie beschrieben verkauft und im Übrigen eine Gewährleistung ausgeschlossen. Die Käuferin wandte ein, dass die Puppen Repliken und keinesfalls, wie behauptet, Originale aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg seien. Die beiden Parteien kamen zu keiner Einigung und der ganze Puppenhandel landete vor Gericht. Nach der Einschaltung einer Privatgutachterin, deren Stellungnahme wie meist üblich von einer der Parteien bestritten wurde, beauftragte das Gericht eine weitere Gutachterin, die nun zweifelsfrei klären sollte, ob die Puppen wirklich rund 100 Jahre alt oder neueren Datums wären.

Beide Seiten hatten inzwischen die Klingen heftig gekreuzt und mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen die vorhandene Literatur zitiert. Wenn ein Gutachter solch einen Fall auf den Schreibtisch bekommt, ist offensichtlich, dass hier eindeutige Beweise her müssen. Sonst kann die auf bloßen Behauptungen aufgebaute Streiterei zu keinem befriedeten Ende gebracht werden. Neben der Untersuchung der streitbefangenen Puppen selbst ging es deshalb auch darum, Vergleichspuppen weltweit zu finden.

Vergleichsstücke

Durch eigene Recherchen war die Klägerin Frau Sammel bereits im Internet auf Erstaunliches gestoßen: Bei eBay wurden zwei weitere Babys derselben Halsmarken angeboten, die auffallend ähnliche Körper hatten. Also plötzlich tauchte genau dieses Pärchen mit den raren Seriennummern „7670“ und „7671“ zum zweiten Mal auf. Damit nicht genug: Eine kanadische eBay-Auktion zeigte den Jungen „7671“ in der gleichen Größe und der gleichen Art von Babykörper. Da waren es schon es schon fünf der so seltenen Puppen – wo aber war der Bruder des Gespanns? Diese Frage blieb vorerst unbeantwortet.

Dafür konnte eine andere Frage geklärt werden: Wurde von den alten Porzellanherstellern vor dem Ersten Weltkrieg jemals braun durchgefärbtes Porzellan für die Herstellung von ethnischen Puppen verwendet? Dazu muss man sich vergegenwärtigen, wie diese Unternehmen arbeiteten: Auch damals wurde praktisch und ökonomisch gedacht. Eine Kopfform wurde mit kleinen Veränderungen vor allem im Mund und (bei modellierten Frisuren) im Haarbereich von einem weißen Köpfchen zu einem farbigen Köpfchen. Es erhielt seine braune Farbe erst im zweiten Brenn-Gang, nachdem die Grundform aus der üblicherweise in dieser Firma verwendeten Porzellanmasse gegossen wurde.

Diese konnte bei den Gebrüdern Heubach sowohl weiß, als auch etwas rosa durchgetönt sein – niemals jedoch wurde braun durchgefärbte Porzellanmasse verwendet. Es hätte nicht die flexible Gestaltung und gleichzeitige Ersparnis ermöglicht. Dies ist versierten Puppensammlern durchaus bekannt und wird auch immer wieder in der Literatur erwähnt. Trotzdem ist es immer wichtig, zusätzlich nochmals alle Quellen zu überprüfen und langjährig erfahrene Puppenexperten zu befragen, ob ihnen Ausnahmen bekannt seien. Aber selbst Anfragen in den USA ergaben keine abweichenden Erfahrungen.

Wie groß ist eine 4

Sämtliche in den erwähnten eBay-Auktionen angebotenen Puppen trugen neben der Halsmarke die (Größen-)Markierung „4“. Eine vergleichbare Puppe im Buch über Heubach-Puppen (Karin Schmelcher, Laterna Magica Verlag – nur noch antiquarisch erhältlich) zeigte die Angabe „2“ für eine gleichgroße Puppe von 28 Zentimeter. Wie aber konnte nachgewiesen werden, dass die eine Puppe mit ihrer Größenangabe echt war und die fünf anderen Repliken? Schließlich sind keine verbindlichen Firmenaufzeichnungen überliefert, die den vielen hundert verschiedenen Modellreihen von Heubach die jeweils zusammengehörenden Zentimeterangaben mit dem Nummernsystem zuordnen. Und es gibt – wie erwähnt – wenige Vergleichsexemplare.

Die Puppe im Heubach-Buch ist ohne Zweifel ein altes Exemplar (Herstellung um 1912). Nun begann die Suche nach anderen Vergleichspuppen weltweit – Jahrzehnte zurück. Fatalerweise waren die vorgefundenen Angaben fast nie vollständig. Aber immerhin ließen sich einige wenige Puppen finden, die weiterhalfen. Vor allem ein farbiger Knabe, der mit 38 Zentimeter Größe die Markierung „4“ zeigte.

Von dieser Puppe ließ sich endlich auch herunter rechnen, wie eine 27 bis 28 Zentimeter große Puppe von der Markierung „4“ abgenommen werden konnte. Ganz einfach durch einen zweimaligen Kopierprozess. Daran hatte angesichts des Größenrätsels bisher niemand gedacht: Hier war nicht nur eine Kopfform vom Original mit dem üblichen Schrumpfungsprozess abgenommen worden, sondern in einem zweiten Arbeitsgang ein weiterer Abguss, der dann die vorliegenden kleinen Köpfchen brachte.

Körperformen

Diese Nachforschungen brachten übrigens auch den fehlenden Bruder (mit der Halsmarke „7670“) der Geschwisterpaare zutage: Er war in den USA auf einer anderen Auktion versteigert worden – da waren es schon immerhin sechs ethnische Puppen. Damit war die Kopffrage geklärt: Irgendwo existiert ein Originalpaar dieser beiden Modelle mit der Größenmarkierung „4“, das, auf einen Babykörper montiert (was korrekt ist), eine jeweilige Größe von etwa 38 Zentimeter aufweist.

Wie bereits erwähnt, machten auch die Körper der beiden Puppenkinder Frau Sammel wenig Freude. Es ist bekannt, dass die Gebrüder Heubach die Körper für ihre Puppen nicht selbst fertigten (natürlich mit Ausnahme der Ganzbisquit-Puppen) und dadurch gibt es auch gewisse Zweifel, welches nun die ursprünglich von der Firma passend ausgewählten Körper sind. Bei genauer Beobachtung lässt sich doch feststellen, dass in der Regel jeweils bestimmte Körper verwendet wurden, sodass sich zum Beispiel die Babykörper der hier besprochenen Serien gleichen. Man kann dies sehr schön an der Abbildung im Heubach-Buch erkennen. Es sind geprägte Körper aus einer Pappmischmasse, die oft auch über einen charakteristisch hochgezogenen Halsansatz verfügten. Selten wurden vermutlich auch Steh-Baby oder gar Toddler-Körper verwendet – wobei man bei letzteren nie sicher sein kann, ob nicht ein heutiger Puppenliebhaber diesen Körper hinzugefügt hat.

Ganz anders jedoch die schönen Babykörper der Puppen aus den genannten Auktionen und „Frau Sammel“ war sich sicher, als sie die „Raritäten“ auspackte, diese Körper waren neu und durch Kratz- und Schabspuren auf „alt getrimmt“. Sie waren aus einem schweren, festen Material gegossen und man sah keine Nähte wie bei den alten Körpern aus Mischmasse. Die Form war zudem ein geschicktes Mittelding zwischen Steh- und Sitz-Baby-Körper. Diese neuen gegossenen Körper sind nicht nur härter, sondern tatsächlich spürbar schwerer als die alten Originalkörper – immer ein Grund für einen Sammler, der Sache genauer auf den Grund zu gehen.

Ungewöhnlicher Prozess

Diese Puppen wollte die Käuferin nicht behalten. Es war nicht das, was es schien nach der Beschreibung. Der Prozess zog sich durch zwei Instanzen. Das Gericht beraumte eine außergewöhnliche Beweisaufnahme an. Der Verkäufer wehrte die ersten Gutachten nachdrücklich ab, und das Gericht entschloss sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Es lud die Gutachterin für eine ausführlich persönliche Befragung vor. Die Parteien wollten es so, trotz der hohen dadurch entstehenden Kosten. Über zwei Stunden wurden vor Gericht nochmals die kleinen Porzellangestalten auf Herz und Niere geprüft.

Letztlich jedoch lieferte der teure Streit ein beruhigendes Ergebnis für alle eBay-Käufer: In Bezug auf den üblichen Gewährleistungsausschluss befand das Gericht, dass dieser „sich nicht auf die konkret vereinbarte Beschaffenheit hinsichtlich der Echtheit beziehungsweise des Alters der Puppen“ beziehen könne (vgl. BGHZ 170, 86, Leitsatz zu 3). Da auch keine Möglichkeit zur Nachbesserung wegen des Alters und der Rarität der strittigen Puppen bestand, wurde der Verkäufer verurteilt, den Kaufpreis zuzüglich der Zinsen an die Käuferin zu zahlen und die Puppen zurück zu nehmen (Landgericht Verden, AZ 8 S 64/13). Für den Verkäufer war dieses Unternehmen letztlich unter dem Strich leider sehr teuer. Es wäre wohl sehr viel unschädlicher gewesen, sich auf die Einwände der Käuferin einzulassen. Für Käufer bei Auktionen im Internet wurde jedoch in diesem Prozess bewiesen, dass die Kunden nicht durch einen einfachen Satz ihre Rechte auf einwandfreie Ware verlieren.

Wertvolle Reproduktionen

Das Ganze soll jedoch niemanden erschrecken, nicht mit voller Absicht und großer Freude eine schöne –gekennzeichnete – Replik einer seltenen und wertvollen Puppe zu erstehen und sich über deren Besitz von Herzen zu freuen. Signierte Reproduktionen von hohem Können ermöglichen uns nicht nur, auch besonders rare Puppen zu besitzen, sie sind auch ein Zeichen großer handwerklicher Kunst und ebenso wertvoll, wie manche alte Puppe. Wären die Puppen – von denen es mindestens sechs, vermutlich aber noch mehr gibt – als Repros verkauft worden, hätten sie bestimmt allen Beteiligten Freude machen können.

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