Sibirisches Tagebuch

Reise-Impressionen von Siu Ling Wang

12. März, 2012 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Sibirisches Tagebuch

Viele Puppenmacher sind weltweit unterwegs, um ihre Kunstwerke zu präsentieren. Die in München lebende Siu Ling Wang folgt im November 2011 der Einladung von Alexander Sukhorukov, dem Veranstalter einer Puppenausstellung in Novosibirsk. Ihre spannenden Erlebnisse hat sie für die Leser von PUPPEN & Spielzeug in einem Tagebuch zusammengefasst.

Meine Reise nach Sibirien begann am Flughafen von München. Bei einem Zwischenstopp in Moskau traf ich die niederländische Puppenmacherin Yvonne Flipse. Sieben Stunden später landeten wir in Novosibirsk. Alexander Sukhorukov, der Veranstalter des Events und Alessya Kornilovich, eine russische Studentin, die für uns übersetzen wird, erwarten uns in der Ankunftshalle. Ich bin jetzt mittlerweile seit 20 Stunden auf den Beinen und entsprechend müde. Schnee liegt auf den menschenleeren Straßen, die Temperatur beträgt minus 16 Grad Celsius. Die trockene Kälte lässt sich jedoch gut ertragen. Zunächst geht es ins Hotel, um einige Stunden Schlaf nachzuholen. So kalt es draußen ist, so heiß ist es in den Zimmern. Diese sind komplett übertemperiert und mit Heizkörpern ausgestattet, die sich nicht ­regulieren lassen. An der Rezeption meiner Unterkunft wird nur russisch gesprochen, weshalb auch die kaputte Toilettenspülung bis zum Ende meines Aufenthalts unrepariert bleibt. Macht nichts, Deckel des altmodischen Spülkastens abheben und den Hebel von Hand hochziehen – wofür hat man (kunst-)handwerkliche Kenntnisse.

Nachmittags werden wir abgeholt und fahren zum Veranstaltungsort, einem großzügigen Gebäude im Stil des Klassizismus, das wechselnde Ausstellungen beherbergt. Ich bin überwältigt, als ich an der Fassade ein mehrere Quadratmeter großes Transparent mit der Abbildung einer meiner Puppen sehe. In den Ausstellungssälen sind die russischen Exponate bereits aufgebaut. Yvonne und ich bekommen den schönsten Saal zugewiesen, ganz allein für uns und unsere Puppen. Allerdings sind unsere Tische von einem unpassenden grellen Blau. Improvisation ist angesagt: Alessya, unsere patente Übersetzerin, fährt mich zu einem sibirischen Ikea, wo wir weiße Vorhänge kaufen, um damit die Tische zu verkleiden. Die Museumsdirektorin ist gekränkt und moniert die Falten in der Stoffverkleidung. Ein Disput lässt sich dank des Einsatzes von Alessya verhindern. Sie fährt kurzerhand nach Hause, holt ein Dampfbügeleisen und rückt den Falten zu Leibe. Abends ist der Aufbau zur allgemeinen Zufriedenheit bewältigt. Zum Abendessen führt uns Alexander in ein schönes Restaurant aus. Dort wird der erste Tag begossen – natürlich mit Wodka. Jeder in der Runde muss einen Trinkspruch ausbringen und danach wird jeweils ein Glas Wodka auf ex getrunken. Ich schlafe in dieser Nacht ausgezeichnet.

Eröffnungstag

Heute Morgen ist es für den sibirischen Winter ungewöhnlich „warm“. Ich bin ausgeruht und als wir zur Ausstellung abgeholt werden, bewundere ich die weiße Pracht in den Straßen. Zur Eröffnung sind viele Menschen gekommen. Es werden etliche Reden gehalten und auch Yvonne und ich müssen ein paar Worte sagen. Die Besucher sind von unseren Puppen begeistert und unsere Übersetzerin hat viel zu tun. Die Atmosphäre ist ein wenig steif und die Besucher schreiten ehrfürchtig, fast flüsternd durch die Säle.

Jetzt habe ich Zeit, mir die Puppen der russischen Künstler näher anzusehen. Wunderschön gearbeitete Kreationen und fantasievolle Ensembles aus verschiedenen Stoffen sowie Modelliermassen, selbst Figuren aus Birkenrinde entdecke ich. Jedoch vermisse ich weitere Exponate aus Porzellan. Ich erkenne einen typisch „russischen Stil“: Die Objekte sind mit farbenfrohen, prächtigen Gewändern und feinen, überlangen Gliedern ausgestattet. Zwischendurch findet man immer mal wieder Puppen, die offenbaren, dass die Künstler wohl noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Die meisten Aussteller aus allen Teilen Sibiriens haben lediglich ihre Objekte geschickt, sodass Yvonne und ich zu den Wenigen gehören, die persönlich anwesend sind.

Kulturtag

Nach einem Frühstück in einem chinesischen Restaurant holt uns Alessya zu einer Stadtrundfahrt ab. Novosibirsk, was frei übersetzt „Neues Sibirien“ heißt, ist nach Moskau und St. Petersburg die drittgrößte Stadt Russlands. Sie wurde erst vor rund 100 Jahren um eine für die transsibirische Eisenbahn neu erbaute Brücke über den Fluss Ob gegründet. Der russische Strom ist in diesem Teil Sibiriens bis zu einem Kilometer breit. Noch heute stehen zwischen den Hochhäusern der Stadt die baufälligen Holzhütten des einstigen kleinen Dorfes. Sie werden teilweise noch bewohnt, einige ohne Heizung. Die Fenster sind häufig nur notdürftig mit Holzbrettern vernagelt. Unvorstellbar, wie die Bewohner die eisigen Winter überstehen.

Heute fällt der Schnee in winzigen, staubartigen Kristallen, die vom Wind wie Schleier über den zugefrorenen Ob-Stausee geweht werden, auf dem wir Eis-Angler beobachten. Alessya zeigt uns voller Stolz die Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt: Die kleine Kapelle St. Nicolai im Zentrum, die um 1915 den geografischen Mittelpunkt des damaligen Russischen Reiches symbolisieren sollte. Die Oper, erbaut im Stil des sozialistischen Klassizismus, und nicht zuletzt die Alexander-Newski-Kathedrale.

Abends besuchen wir im Opernhaus das Ballett „Coppelia“. Wie passend: Es ist eine Geschichte, in der es unter anderem um eine mechanische Puppe geht. Eine Freundin von Alessyas Mutter Larissa führt uns in der Pause hinter die Bühne. Die ehemalige Balletttänzerin zeigt uns sämtliche Räume: Schnürboden, Kulissen, Proberäume und die Garderobe, in der die jungen, beinahe überschlanken Balletteusen pausieren. Das anschließende Abendessen nehmen wir ohne Dolmetscherin ein – Alexander, seine Freundin Natasha, Yvonne und ich. Mein winziges Russisch-Lexikon kommt zum Einsatz. Es wird seit dem nur noch „das klein fantastisch Buch“ genannt und nahezu alle Verständigungsversuche gehen in allge­meinem Gelächter unter.

Theatertag

Der sibirische Winter trumpft nochmal auf: minus 20 Grad ­Celsius. Wir beginnen den Tag mit einem Besuch in einem Puppen­theater. Der Direktor, Nicolai, ein sympathischer alter Herr mit großer Leidenschaft für sein Haus, führt uns mitten in die laufende Vorstellung von „Pinocchio“. Die zuschauenden Kinder sind mit Herz und Seele dabei. Leise schleichen wir wieder hinaus. Das verwinkelte Gebäude beherbergt nicht nur das Theater, sondern auch ein kleines Museum mit alten Marionetten, Theaterpuppen und Werkstätten, in denen sämt­liche Puppen, Kostüme und Kulissen hergestellt werden. Für den Nachmittag steht der Besuch des „Birken-Museums“ an. Kunstwerke und Bilder aus Birkenrinde, Gebrauchsgegenstände und die Puppen eines Künstlers, der aus dem Material die erstaunlichsten Figuren und Ensembles kreiert, erwarten uns.

Entscheidungstag

Im Ausstellungsgebäude hält Yvonne einen gut besuchten Workshop ab. Ich habe Zeit, einige Exponate der anderen Künstler zu fotografieren. Danach sollen wir als Mitglieder einer fünfköpfigen Jury die Preisträger der Ausstellung ermitteln. Nach langen Diskussionen steht die Gewinnerin fest: Larisa Mordwinzewa aus dem fernen Wladiwostok mit einer eher untypischen Puppe, einer schlichten peruanischen Flötenspielerin.

Zeremonientag

Am letzten Tag der Veranstaltung findet die Preisverleihung statt. Die Awards gehen leider zum größten Teil an nicht anwesenden Künstler. Während der Verleihung treten junge russische Sopranistinnen mit Klavierbegleitung auf und erfüllen die Säle mit wunderschönem Gesang. Alle, denen wir in den vergangenen Tagen begegnet sind, sind noch einmal gekommen, um uns zu verabschieden. Die Meisten haben kleine Geschenke dabei. Ich bin berührt von der Dankbarkeit, die uns für unseren Besuch entgegengebracht wird. Am Abend nehmen wir wehmütig ein Abschiedsessen mit unserem Gastgeber Alexander und unseren neuen russischen Freunden ein.

Abreisetag

Novosibirsk verabschiedet uns mit sprichwörtlich sibirischer Kälte, als wir bei Dunkelheit in den frühen Morgenstunden zum Flughafen gebracht werden. Der Abschied von unseren Freunden fällt mir schwer. Und was habe ich außer all den schönen Erinnerungen noch aus Novosibirsk mitgenommen? Eine Flasche vom besten Wodka – es wird sich doch wohl auch in Deutschland jemand zum Austauschen von Trinksprüchen finden.

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