Schrullig und liebenswert

Anna Meyers Gnome, Kobolde und Elfen

18. Mai, 2012 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Schrullig und liebenswert

Das erste Grün sprießt und die Vögel zwitschern. Die ideale Zeit, um einen ausgedehnten Waldspaziergang zu unternehmen. Auf einmal knackt es laut im Unterholz: ist es ein Gnom, ein Kobold oder gar ein Troll? Eher nicht, denn diese Geschöpfe gehören in das Reich der Fantasie und ins Werk der Künstlerin Anna Meyer, wie ihre Kreationen deutlich machen.

Vor einigen schrulligen Märchenfiguren kann man schon Angst bekommen, sehen sie doch teilweise so ungewöhnlich, manchmal sogar gefährlich aus. Garantiert harmlos und äußerst liebenswert sind die märchenhaften Gestalten der Puppenkünstlerin Anna Meyer, die in ihrer Münchner Werkstatt entstehen. Sie sind urige, skurrile Wesen aus einer anderen Welt. Gnome, Trolle, Zwerge, wie sie in Legenden und Märchen längst vergangener Zeiten vorkommen. Sie sind Naturwesen und scheinen auf sonnigen Waldlichtungen, zwischen knorrigen alten Bäumen oder seichten Flussufern zuhause zu sein.

Schritt für Schritt

Anna Meyer fertigt bereits seit 1989 Puppen, zunächst im stillen Kämmerlein. Dann stellt sie 1990 erstmals auf Kunsthandwerkermärkten in München und Oberbayern aus. Später nimmt sie an Ausstellungen auf Schloss Farrach in Österreich, dem 12. Jahreskongress der Global Doll Society sowie der Doll Art, die damals, 1995 bis 1998, noch in Frankfurt stattgefunden hat, teil. 2004 und 2005 erhält sie den Max-Oscar-Arnold-Kunstpreis. Dann wird es zunächst etwas ruhiger um die Münchenerin. Doch seit dem vergangenen Jahr, als sie mit neuen Puppen beim Max-Oscar-Arnold-Wettbewerb antrat und an der VeP-Sonderausstellung in Neustadt bei Coburg teilnahm, sieht man die eigenwilligen Kunstobjekte von Anna Meyer wieder häufiger.

Neu an ihren aktuellen Puppen ist, dass sie nun nahezu alle ganzkörpermodelliert sind und häufig auf einer Basis stehen. Besonders wichtig ist es der Künstlerin, dass die zentrale Aussage einer Figur durch deren Haltung ausgedrückt wird. Deswegen spielt die Modellierung des ganzen Körpers und nicht nur von Kopf, Armen und Beinen eine besonders wichtige Rolle für Anna Meyer. Am liebsten kreiert sie ihre kauzigen Fantasiegestalten aus lufttrocknender Modelliermasse wie zum Beispiel Premix. „Ich mag die warme, natürliche Ausstrahlung und den holzähnlichen Charakter, der gerade meinen Gnomen sehr entgegenkommt“, erklärt sie. Viele Sammler lieben die Lebendigkeit und natürliche Ausstrahlung ihrer Puppen. Sie selbst sagt dazu: „Meine Wesen stellen für mich eine Gegenwelt zu unserer technisierten, entmystifizierten und rationalen Gegenwart dar, weswegen sich vermutlich auch viele Betrachter unbewusst zu ihnen hingezogen fühlen. Viele empfinden sie als beseelte Wesen und lassen sich von ihrer Stimmung einfangen.“

Im Entstehen begriffen

Ist die Idee für eine neue Figur geboren, würde Anna Meyer am liebsten „mit acht Händen“ gleichzeitig modellieren. Es kann ihr kaum schnell genug gehen, um den Körper aus dem Material herauszuarbeiten. Oft hat sie mitten im Schaffensprozess neue Einfälle – und dann hilft nur eins: Sie greift zu Stift sowie Block und fertigt eine Skizze an, damit die Idee nicht in Vergessenheit gerät. So kann sie sich dann wieder voll und ganz auf das aktuell vor ihr stehende Werk konzentrieren, denn sie weiß: „Jede Figur braucht ihre Zeit.“ Diese Freiheit der Kunst genießt Anna Meyer.

So sehr sie auch die Perfektion der realitätsgetreuen Puppenkunst schätzt, so liebt sie die grenzenlosen Möglichkeiten der figurativen Objektkunst. „Die Perfektion löst sich wieder auf und sucht neue und eigene Formen“, sagt sie. Puppen als Abbilder des Menschen lösen beim Betrachter starke Gefühle aus, doch gerade diese Emotionalität führt häufig dazu, dass ihre künstlerische Ausdruckskraft nicht ernst genommen wird. „Weil Puppen im Allgemeinen als Gefühlsobjekte betrachtet werden, steht die Szene oft vor dem Problem, dass sie nicht als echte Kunstform anerkannt wird“, bedauert sie, denn für sie ist eine perfekte Puppe so vollkommen wie ein Werk von Genies wie Michelangelo, dem berühmten italienischen Renaissance-Maler.

Üppiges Schwelgen

Jede Figur von Anna Meyer ist ein Gesamtkunstwerk von der Modellierung bis zum kleinsten Accessoire. Von Letzteren hat sie reichlich in ihrer Werkstatt: Mit Vorliebe stöbert sie in ihren Schubladen, um ein schön gefärbtes Schneckenhaus, den geeigneten Stoff oder ein originelles Stück Holz herauszugreifen, das den Charakter der Puppe unterstreicht. In früheren Jahren sei die Leidenschaft für die einzigartige Ausstattung ihrer Objekte schon mal mit ihr durchgegangen, wie sie heute schmunzelnd zugibt. Mittlerweile jedoch wählt sie mit Bedacht und achtet darauf, dass sowohl die Puppe als auch das Accessoire gleichermaßen zur Geltung kommen. Oft genug ist das begleitende Teil schon ein Hingucker für sich – das kann eine Wurzel, ein Stück Baumrinde, eine Eichel oder ein schön geformter Stein sein.

Liebeserklärung

Nicht nur solche Fundstücke, auch vom Leben gezeichnete Gesichter, die sie aufmerksam studiert, sind ihre Inspiration. Doch es gibt einen Menschen, der ihr besonders wichtig ist und ihre Kunstwerke stark beeinflusst: ihre Tochter Julia. „Die Quelle und der Ursprung meiner Figuren, und auch meine Affinität für skurrile Wesen liegen zu einem großen Teil an der Tatsache, dass ich eine behinderte Tochter habe. Sie ist für mich auch nicht ganz von dieser Welt, irgendwie anders, ein unergründliches Wesen. In vielen meiner Figuren finden sich ihre Augen und ihre Wesenheit wieder. Sie ist ganz sie selbst, ganz nah am Gefühl, welcher Art auch immer, von einer Herzlichkeit, Eigenheit und Eigenartigkeit. Die Eigenheit ist mit Worten nicht zu beschreiben, in einer geformten Kreatur jedoch ganz gut für den Betrachter erfahrbar zu machen. Meine Tochter Julia zeigt mir immer wieder, dass nicht der Intellekt Menschsein bedeutet, sondern dass die Wesenheit woanders sitzt.“

Anna Meyer fertigt ihre Gnome, Trolle und Zwerge mit viel Liebe zum Detail. Auf diese Weise entstehen ausgefallene Charakterstudien von Märchenwesen, die es durch ihr andersartiges Aussehen verstehen, Betrachter in ihren Bann zu ziehen. Häufig wirken diese Charaktere nachdenklich und abwesend, jedoch immer liebenswert und schrullig.

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