Sammlung der Emotionen

Eine Puppe, ein Kopf, drei Gesichter

7. September, 2011 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Sammlung der Emotionen

Sie gehören zweifelsohne zu den Exoten der Szene und sind in Sammlerkreisen beliebt. Die Rede ist von Mehrgesichter-Puppen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass der Kopf drehbar auf dem Körper gelagert ist. Zudem verfügt, wie der Name schon vermuten lässt, das Haupt über verschiedene Gesichter. Diese kleinen Kunstwerke sind so in der Lage, eine bunte Mischung an Gefühlen auszudrücken.

Der dreigeteilte Kopf der hier vorgestellten, etwa 80 Jahre alten Puppe ist etwas gewöhnungsbedürftig, ebenso wie ihre Frisur, die aus nur einem Haarbüschel besteht. Er erlaubt dem kleinen Kunstwerk, das aus den 1930er-Jahren stammt, seine gute, schlechte oder traurige Stimmungslage offen kund zu tut. Diese Eigenschaft war bei den kleinen Puppenmüttern ausgesprochen beliebt. Selbstverständlich gibt es auch heute humorvolle und interessierte Sammler, die ganz besondere Freude an solch einem ausgefallenen Modell haben.

Gefühlschaos

Die Puppe ist einem Kleinkind nachempfunden und diese haben bekanntermaßen die Eigenschaft, ihre wechselnden Launen offen zu zeigen. Genau das tut diese Puppe mit ihrem freundlich lächelnden Antlitz. Dreht man den Kopf, so erscheint ein anderes, zunächst hinter der hautfarbenen Mütze verborgenes Gesicht. Die Kleine hat ihre Augen fest geschlossen, die Stirn kraus gezogen und zeigt Zähne sowie Zunge. Der Ausdruck ist derart realistisch, dass man mit etwas Fantasie das Gebrüll bereits hören kann. Dreht man den Kopf noch etwas weiter, hat man plötzlich ein liebenswertes und sanft schlummerndes Puppenkind vor sich. Alle drei Gemütsbewegungen zeigt dieses Sujet sehr deutlich. So mag wohl manches kleine Mädchen einst gerne mit ihr gespielt haben. In einer heutigen Sammlung ist sie sicher ein Exot, aber auf jeden Fall originell und liebenswert.

Der Kopf der 34 Zentimeter großen Dreigesichter-Puppe wurde aus so genannter Mischmasse gefertigt. Sie entstand mit ziemlicher Sicherheit in Thüringen, genauer gesagt im Sonne­berger Raum. Diese Region war im 19. sowie frühen 20. Jahrhundert eine Hochburg der Puppenherstellung. Zur selben Zeit wurden hier etliche Mehrgesichter-Puppen mit Porzellanköpfen angefertigt. Mischmasse ist im Vergleich zum „weißen Gold“ nicht so kostbar, jedoch um einiges haltbarer. Ausgelegt ist das Haupt der Puppe als so genannter Einbindekopf. Dieser wird mit seinem leicht verbreiterten Halsring in den weichen Körper hineingesteckt und mit einem festen ­Bändchen gehalten.

Der Puppenkörper besteht aus fleischfarbenem Baumwollstoff, der weich gestopft wurde. Dass die Puppe einerseits geschont, andererseits jedoch häufig und gerne bespielt wurde, ist nur an ihren etwas fleckigen Stoffbeinchen zu sehen. Ob das Püppchen auch von Vornherein das rotgeblümte Dirndl-Kleidchen aus Baumwolle mit der hellblauen Schürze getragen hat, ist nicht bekannt. Natürlich konnte die Puppe auch einen Knabenanzug oder eine Baby-Garderobe tragen, das blieb den kleinen Puppenmüttern von einst selbst überlassen. Lediglich das hautfarbene Baumwollmützchen ist ein absolutes Muss. Es gehört zum Lieferumfang der Dreigesichter-Puppe, denn nur so bleibt die Frage spannend, ob das ausgefallene Puppenkind lacht, schreit oder schläft? So konnte nämlich die Besitzerin allein bestimmen, welche Gemütslage das Kind gerade zur Schau stellt.

Geschichte der Mehrgesichter-puppe

Die erste Mehrgesichter-Puppe soll bereits 1867 in Frankreich zum Patent angemeldet worden sein. Diese konnte mit zwei Gesichtern zwei verschiedene Emotionen ausdrücken. Es ist nicht verwunderlich, dass die Thüringer Puppenmacher diese Neuheit adaptierten und Mehrgesichter-Puppen in ihr Sortiment aufnahmen. Entstanden in den Manufakturen zunächst Sujets mit nur zwei Gesichtern, kamen um 1903 die ersten Dreigesichter-Puppen auf den Markt. Ein ganz besonders kreatives Exemplar einer überlieferten Mehrgesichter-Puppe ist jenes, das sämtliche Charaktere aus dem Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ von den Gebrüdern Grimm in sich vereinigt. Handelt es sich im einen Moment um das niedlichen Rotkäppchen und dann um dessen Großmutter, wandelt sich das Gesicht im Handumdrehen zu dem des bösen Wolfs mit Häubchen auf dem Kopf.

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