Romantische Seelen

Stoffpuppen von Marina Athanasiadou

25. Juni, 2014 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Romantische Seelen

Es war einmal ein kleines Mädchen mit großen dunklen Augen und langen Locken. Sie liebte Tiere und wollte am liebsten abends ein Kuscheltier mit ins Bett nehmen zum Einschlafen. „Mama, kannst du mir eine Katze nähen?“ Wohl alle Mütter haben diese Frage schon unzählige Male gehört – so auch Marina Athanasiadou von ihrer bezaubernden Tochter Eleni.

Obwohl sie keine Erfahrungen im Nähen hatte, gab Marina Athanasiadou schließlich dem Drängen ihrer Tochter nach, ihr einen Spielgefährten zu nähen und versuchte sich an ihrem ersten Stofftier: einer kleinen Katze aus der Lieblingsdecke ihrer Tochter. Die kleine Eleni war glücklich und die Mutter hatte nun der Ehrgeiz gepackt: Schließlich hatte sie schon immer eine Puppe nähen wollen, sich aber stets von komplizierten Schnitten und Stichen abschrecken lassen. Viel lieber malte sie Bilder. Das war im Jahr 2011 und die Geburtsstunde der ersten Stoffpuppen von Marina Athanasiadou. Denn, so dachte sie, wenn ich eine Katze nähen kann, dann kann ich auch eine Puppe machen. Die ganz einfach geschnittene Puppe bekam ein Kleid aus demselben Stoff wie das Lieblingskleid der damals siebenjährigen Eleni – und wurde dadurch zu etwas Besonderem für die beiden.

Puppenwelt

Die Puppenkünstlerin mit russischen Wurzeln lebt seit 13 Jahren mit ihrer Familie in Griechenland. Da ihr kleines Dorf Skydra zu weit von der nächsten Stadt entfernt ist, wo sie einen Kurs hätte besuchen können, begann sie mit Nadel, Faden und verschiedenen Stoffen auf eigene Faust zu experimentieren. Auf die erste Puppe folgte der zweite Versuch, bei dem sie „nur die Finger korrigieren wollte“, und schon gab es kein Zurück mehr. Unter dem Namen „Romantic Wonders“ machte sie sich als Puppenkünstlerin selbstständig. Seither entstanden etliche 20 bis 35 Zentimeter große Stoffpuppen und neuerdings auch Exemplare aus Paperclay, einer lufttrocknenden Modelliermasse. Sie stehen für eine wichtige künstlerische Weiterentwicklung, der sich Marina Athanasiadou mit jedem neuen Unikat stellt.

Was gibt es Schöneres, als an einem verregneten Sonntagnachmittag in einem gemütlichen Sessel zu liegen und ein gutes Buch zu lesen? Eine schöne Tasse duftenden Kakao dazu – auch für eine Puppe ist das ein herrliches Ambiente, wie man bei „Nouvelle“ sehen kann. Gleich ein ganzer Stapel Bücher steht zur Auswahl, und auf dem Tischchen mit den geschwungenen Beinen warten kleine Törtchen darauf, nacheinander genascht zu werden. Jedes noch so kleine Detail hat die Künstlerin bedacht und mit großer Gewissenhaftigkeit diese behagliche Szene in Eigenarbeit kreiert. „Nouvelle“, das blonde verträumte Mädchen, ist eine Ball-Jointed-Doll, kurz BJD mit zwölf Kugelgelenken. Zu ihrem zarten roten ­Seidenkleid trägt sie ­Lederballerinas. Der Sessel, auf dem sie geradezu thront, ist mit schwerer dunkelgrüner Seide ausgeschlagen – ebenfalls in Handarbeit. Alle Komponenten harmonieren miteinander – darauf legt die Künstlerin mit der kecken Kurzhaarfrisur höchsten Wert. „Zu der Puppe gehört auch ihre Umgebung, oft macht ein klitzekleines Detail einen großen Unterschied. Es kann die Puppe lebendig machen, ihr Charakter verleihen – unabhängig von der Kleidung oder der Frisur.“

Wichtig ist ihr auch, dass die Kleidung auf die Zartheit der Puppen abgestimmt ist. Grobe und harte Stoffe würden nicht zu ihnen passen, stattdessen verarbeitet die Künstlerin indische Saristoffe aus Seide oder dünne Wollstoffe. Die schwingenden Kleider verleihen ihren Trägerinnen ein romantisches Flair, unterstützt durch sanfte, florale Muster. Ist die Puppe ein Mädchen, so erhält sie von Marina Athanasiadou Accessoires wie Haarbänder, ­Spielzeuge, kleine Püppchen und ähnliche Beigaben. Ist sie eine Frau, so stattet die Künstlerin sie mit erwachsenen Accessoires aus wie einer Hand­tasche, Gürtel, Ohrringen und Halsketten. Ihre Ausstrahlung ist immer verträumt und von nachdenklicher Schönheit. „Sie sind romantische Seelen“, sagt die dunkelhaarige junge Frau, die selbst auch ein wenig romantisch wirkt.

Lebenswelt

Marina Athanasiadou plant und gestaltet ihr Leben rund um ihre Kreationen. Obwohl sie erst seit drei Jahren Puppen macht, füllen sie ihr Leben aus. „Kontinuierlich an sich zu arbeiten und sich zu verbessern ist die einzige Regel für eine Puppenkünstlerin. Es ist die interessanteste Arbeit auf der Welt, die ich mir vorstellen kann“, freut sich die gebürtige St. Petersburgerin mit den großen braunen Augen über ihren Traumberuf. „Geduld, Beharrlichkeit und Gewissenhaftigkeit sind die wichtigsten Eigenschaften, die man als Puppenkünstlerin benötigt, und eine sehr aktive Imagination“, sagt die Künstlerin und Geschäftsfrau. Um die Vertriebswege für ihre Puppen hat sie sich beizeiten gekümmert und bietet ihre Geschöpfe in verschiedenen Online-Shops an. Zu Ausstellungen reist sie gerne nach Athen und Moskau. Ihre zweite Leidenschaft gilt der Fotografie: Gekonnt setzt sie ihre Puppen in Szene – die „Hübsche Reisende“ an den Bahngleisen mit Mantel und Koffer, die „Gärtnerin“ mit ihren Utensilien im üppigen Grün des Frühsommers und „Just a girl“ mit ihrem Fahrrad auf einer Waldtour.

In ihrer freien Zeit liebt sie es, mit Eleni und ihrem kleinen Hund – einem munteren Jack Russel, der seit Kurzem erst zur Familie gehört – durch die Natur zu tollen und von den beiden liebenswerte Fotos zu schießen. Das ist gleichzeitig auch ihre Inspiration, denn „alles, was man sieht, hört, fühlt und erlebt, hinterlässt Spuren in der Seele und wird eines Tages zu einer Idee.“

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