Puppenkunst des späten 19. Jahrhunderts

Jugendstil Schönheiten

21. Juni, 2013 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Puppenkunst des späten 19. Jahrhunderts

Deutsche Charakterpuppen erfreuten sich während der Frühzeit ihrer Fertigung großer Beliebtheit. Neben Kämmer & Reinhardt fertigte auch Kestner in Waltershausen wundervolle Exemplare, die heute viele Sammlungen bereichern. Doch bereits zuvor, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, entstanden dort schöne Puppenkinder.

Ende des 19. Jahrhunderts fertigte das traditionsreiche Unternehmen Kestner in Waltershausen exquisite Puppenkinder. Einige herausragende Exponate sollen im Folgenden vorgestellt werden. Eines steht jedoch bereits fest: Die frühen Exemplare dieses Herstellers gehören zu den schönsten und seltensten deutschen ­Puppen, die vor 1900 produziert wurden.

Besonderheiten

Es gibt eine Reihe von Erkennungsmerkmalen für frühe ­Kestner-Puppen. So sind sie lediglich mit einer Zahl am Hals markiert, verfügen über ein ausgezeichnetes Biskuitporzellan, eine sorgfältige Bemalung, eine Speckfalte am Nacken und einen Gipsdeckel zum Verschluss des Kopfes. Die Gliederkörper waren früher mit festen Handgelenken, später dann mit drehbaren Händen ausgestattet und zählten zu dem qualitativ Besten, was in der deutschen Puppenindustrie hergestellt wurde.

Die Exzellente

Eine große Stimmigkeit des Gesamtbildes gepaart mit der Intensität des Ausdrucks sowie gedämpften Farbakzen­ten zeichnen die erste, hier vorgestellte Kestner-Puppe aus. Liebreizend schaut sie mit ihren braunen Glasaugen dem Betrachter entgegen. Sie wirkt weich und schwärmerisch – mit einer gehörigen Portion Melancholie. Die Modellierung selbst ist von enormer Klarheit und Prägnanz. Hier zeigt sich, dass die Künstler damals sehr detailliert gearbeitet haben und jeder Kleinigkeit Gewicht einräumten. Der Designer hat das Puppenkind liebevoll ausgestaltet, ohne den Realismus aus den Augen zu verlieren.

Der Kurbelkopf verfügt über ein sehr helles, feinporiges Biskuitporzellan. Die Wangen sind aprikot-farbig, währen der geschlossene Mund zweifarbig bemalt ist. Die braunen Glasschlafaugen sind jeweils mit einem exakt ausgeführten Wimpernkranz umrahmt, die Brauen in bekannter Kestner-Manier mit mehreren braunen Pinselstrichen aufgesetzt. Der originale Gipsdeckel, der den Kopf verschließt, ist unversehrt. Die Puppe trägt eine traumhaft schöne, üppige und typgerechte Mohairperücke, ist mit der Zahl 14 markiert und begeistert durch ihren perfekten Erhaltungszustand. Der Körper ist mit Handschuhhänden versehen und praktisch unbespielt. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Exponat um ein Vitrinenobjekt. Sie misst 53 Zentimeter.

Ihr Outfit ist im Vergleich zu einigen französischen Puppen viel mehr als eine reine Kostümparade. Die Kleider sind aufeinander abgestimmt. Das Puppenkind verfügt über einen Trousseau-Koffer mit mehreren Kleidungsstücken sowie Unter­wäsche, einem Hut, einem Spiegel und vielem mehr. Sie trägt ein hauchzartes, aufwändig gearbeitetes und gechintztes Kleidchen aus Baumwollbatist in Hellblau. Es zeichnet sich durch einen breiten spitzenbesetzten Koller (einen Kragen) am Halsausschnitt, hauchzarte Puffärmel, eine verlängerte Taille und einen stufigen Rüschenrock mit zartem Spitzenbesatz aus. ­Darunter befinden sich drei fein genähte Unterröcke aus ­verschiedenen Materialen und eine ­kniebedeckende Unterhose. Dazu trägt sie feingewirkte Baumwollknie­strümpfe in Rohweiß und farblich passende Lederschuhe.

Kleines Wunder

Die zweite Puppe ist ebenfalls eine Kestner-Produktion. Sie ist vergleichsweise klein, aufgrund ihrer ­Qualität sowie des seltenen, frühen Gliederkörpers mit modellierten Schuhen jedoch sehr kostbar. Die kleine Schönheit ist nur 20 Zentimeter groß und mit der Zahl 3 markiert. So unterschiedlich groß die Puppen auch sind, so sehr ähneln sie sich in der künstlerischen Umsetzung. Dieses Exponat kann in punkto Porzellanqualität überzeugen sowie mit ihrer Garderobe. Da­­rüber hinaus ist sie sehr plastisch gestaltet worden, verfügt über braune Glasschlafaugen und eine hellblonde Perücke.

Ausgestattet ist sie mit einem ausgezeichnet erhaltenen französischen Reisekoffer mit mehreren Kleidungsstücken, der mit den Initialen G.F sowie der Jahreszahl 1917 versehen ist. Wie oben beschrieben, weist der seltene Gleiderkörper eine Besonderheit auf: modellierte Schühchen und Strümpfe. Sie trägt einen creme-farbenen Filzmandel mit hellblauer Paspelierung und darunter ein hauchzartes Batistkleidchen mit zartem Tüllbesatz. Im Köfferchen befinden sich zudem noch etliche Kleider aus verschiedenen ­Materialien.

Jahrhundertwende

Im Vergleich zu den anderen beiden Objekten ist die dritte Kestner-Puppe erst nach 1910 entstanden. Dies zeigt sich an der Markierung:

B made in 6
Germany
167

Sie ist 37 Zentimeter groß und mit einem gut geformten und schön bemalten Kurbelkopf versehen. Das Puppenkind hat einen offenen Mund mit vier Zähnchen oben, modellierte und braun gemalte Augenbrauen sowie braune Glasschlafaugen. Sie besitzt noch ihre dunkelblonde, lange Original-Mohairperücke und den originalen Gipsdeckel. Der typische, schön geformte Gliederkröper ist bestens erhalten und wie folgt gemarkt:

D.B.P.N.O.70685

Ihre Kleidung setzt sich aus einem winterlichen Ensemble zusammen, bestehend aus einem dunkelblauen Wollmantel mit Webpelzbesatz an Kragen und Koller. Dazu trägt sie einen Muff mit Webpelzbesatz aus demselben Material und ein aufwändig gearbeitetes Samtmützchen. Ein cremefarbiges Baumwollkleidchen, dunkle Kniestrümpfe und die beige-braunen Lederschuhe komplettieren das Outfit.

Die drei in diesem Artikel vorgestellten Puppen bestechen durch ihre ausgezeichnete Materialqualität, das reichhaltige Zubehör und die opulente Kleidung. Musterbeispiele für die frühe Fertigung im Hause Kestner.

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