Michael Lee und seine Puppen

Der Menschenfreund

30. Mai, 2018 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Michael Lee und seine Puppen

Michael Lee hat den Großteil seines Lebens in Hong Kong verbracht. Als junger Mann floh er vor der kommunistischen Revolution in China und begann Puppen zu machen. Mit dem Erlös setzte er sich für die Kinder seiner Mitarbeiter ein und setzte alles daran, die Situation der chinesischen Flüchtlinge in Hong Kong zu verbessern. Er war Puppenmacher und Menschenfreund.

Michael Lee kam im Jahr 1908 als jüngstes von fünf Kindern in Zentralchina auf die Welt. Sein Vater, ein Marineoffizier starb, als der Junge gerade 13 Jahre alt war. Amerikanische Missionare unterbreiteten Lee das Angebot, ihn in Shanghai auf eine Missionarsschule zu schicken. Dieses Angebot nahm er an und wurde in der Metropole umfassend ausgebildet.

Wert der Bildung

Hier lernte er zudem die englische Sprache. Von 1930 bis 1935 arbeite er in einem Atelier, das Kunstwerke auf Bestellung fertigte. Von dort wechselte er in die Lehre zunächst an der Shanghai Amercian School, später an der St. John’s University. Hier entstand Lees erste Puppe, die er aus Spaß fertigte. Im Jahr 1949 änderte sich wie für viele Chinesen das Leben des jungen Mannes. Die kommunistische Revolution rollte wie eine Welle durch das Land der Mitte und auch Shanghai wurde erfasst.

Lee erreichte die Metropole Hong Kong und lebte dort zunächst in einem Flüchtlingslager – unter erbärmlichen Verhältnissen. Dort erinnerte er sich an seine Puppe und daran, dass ihm mal jemand erzählt hatte, diese Puppe würde im Westen mit Sicherheit Geld bringen. So fertigte Lee weitere Exemplare und schickte sie an Handelshäuser auf der ganzen Welt. Mit Erfolg. 200 Puppen wurden geordert. Mithilfe von Freunden gelang es dem Künstler, ein Atelier anzumieten. Er beschäftigte zehn Frauen – Flüchtlinge wie er – und kam auf diese Weise zu einer großen Ersatz-Familie, denn seine Mitarbeiterinnen hatten insgesamt neun Kinder. Vielen von ihnen ermöglichte Lee einen Schulbesuch und damit eine Ausbildung.

Wechselstimmung

Eines dieser Kinder sollte sein Leben nachhaltig verändern. Es war der neugeborene Sohn einer ehemaligen Arbeiterin, die in ihrer Verzweiflung in Lees Werkstatt zurückkehrte. Die Frau war bei schlechter Gesundheit und konnte sich nicht um ihr Baby kümmern. Lee sorgte für medizinische Versorgung: Mutter und Sohn überlebten. Die Frau, deren Name nicht überliefert ist, wurde erneut Teil von Lees Team – der kleine Junge himmelte den Künstler an und nannte ihn Großvater. Im Alter von drei Jahren erkrankte das Kind und Michael Lee brachte ihn ins Krankenhaus, wo er – nicht zuletzt aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung – verstarb.

Nach eigener Aussage starb in diesem Moment auch ein Teil Lees und seine Prioritäten änderten sich. Strebte Lee nach bescheidenem Wohlstand, setzte er nun alles daran, die Situation von Kindern und Flüchtlingen zu verbessern. Währenddessen florierte sein Geschäft. Seine Puppen waren gefragt. Der nächste Schlag ereilte den Künstler im Jahr 1979, als er sein Atelier räumen musste und in eine deutlich teurere – und zudem kleinere Immobilie umziehen. Dies gelang nur mithilfe seiner Freunde – die es dem Künstler ermöglichten, seine Arbeit fortzusetzen.

In den 1980er-Jahren war Lee auf dem Höhepunkt seines Schaffens – seine Puppen beliebt wie nie zuvor. Er und seine 20 Mitarbeiter fertigten rund 200 bis 300 Puppen pro Monat. Im Jahr 1996 starb Michal Lee. Der Künstler hat nie geheiratet und keine leiblichen Kinder, veränderte aber die Leben vieler Menschen in China und Übersee. Ein Vermächtnis, auf dass man stolz sein kann und dass ein Beispiel für ein gutes Leben ist.

Diesen Artikel...
Kennen Sie schon?
Reise der Buchstaben
Puppen-Preisführer 2011