Kunst auf russischen Steckpuppen

Winterfreuden

7. Januar, 2012 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Kunst auf russischen Steckpuppen

Die kalte Jahreszeit ist in den Weiten Russlands ein harter, oft entbehrungsreicher Abschnitt. Dennoch wird der Winter – anders als in weiten Teilen Mitteleuropas – überall im Land fast schon liebevoll erwartet und in der Kunst entsprechend wohlwollend dargestellt. Beispielsweise auf filigranen Steckpuppen, den weltberühmten Matroschkas.

Die ersten Matroschka-Puppen trugen das Abbild einer russischen Bauersfrau in der landestypischen Tracht. Hierzu gehörte der Sarafan, ein langes, ärmelloses Trägerkleid, unter dem ein weites Hemd beziehungsweise eine bestickte Bluse getragen wurde. Den Sarafan bedeckte teilweise noch eine Schürze. Unabdingbar war für die verheiratete Bauersfrau zudem ein Kopftuch.

Geförderte Kunst

Diese Darstellung des Bäuerlichen wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Russland ein wichtiges Motiv vieler Künstler. Die Verehrung der einfachen russischen Menschen und deren Lebensgewohnheiten sollten den neuen, den so genannten „­russischen Stil“ prägen. Zur selben Zeit scharte der Industri­elle Savva Ivanovic Mamontov einen Künstlerkreis um sich, der zusammen mit Handwerkern diese neue Stilrichtung maßgeblich beeinflussen sollte.

Der Mäzen Mamontov und sein Bruder Anatol Ivanovic förderten die Volkskunst, indem sie Künstlern und Handwerkern Ateliers einrichteten, in denen sie das Ziel der Verbrei­tung russischer Volkskunst – wirtschaftlich abgesichert – verfolgen konnten. Es wurde Wert darauf gelegt, bäuerliches Spielzeug, dem ein erzieherischer Wert zugemessen wurde, herzustellen und unters Volk zu bringen.

Erfolgsgeschichte

Unter dieser Vorgabe schuf der Künstler Sergej ­Maljutin die erste Matroschka-Puppe. Sein Vorbild für die Form dieser Steckpuppe kam von der japanischen Insel Honshu. Eine von dort stammende Holzpuppe stellte einen alten Buddhisten dar. Die Besonderheit war, dass diese im Inneren noch mehrere, immer kleiner werdende Figurinen enthielt. Maljutin drechselte eine Steckpuppe, die er als rundgesichtige Bauersfrau bemalte. Diese trug eine bestickte Bluse unter einem farbigen Sarafan und darüber eine Schürze. Im Arm hielt sie einen schwarzen Hahn, während ihren Kopf das obligatorische Tuch zierte. Die Darstellung entsprach demnach ganz der typischen russischen Frauentracht.

Diese Kunstform erscheint zunächst sehr einfach, erfordert aber in der Herstellung großes handwerkliches Können an der Drehbank. Verwendet wird Linden- oder Birkenholz. Dieses muss mehrere Jahre abgelagert sein. Dann beginnt der Drechsler mit der kleinsten Puppe. Die Nächstgrößere wird entsprechend der ersten angepasst. Bis zu 15 Arbeitsgängen sind notwendig, bis eine ­solche Holzpuppe als Rohling fertig ist. Der schwierigste Teil
der Arbeit liegt in der Passgenauigkeit von Ober- und Unterteil. Beide müssen so exakt zusammen passen, dass nach der Bemalung die Trennlinie nahezu unsichtbar ist. Schließlich soll das Bildmotiv nicht zerschnitten erscheinen. Außerdem müssen sich die ineinandergesteckten Püppchen durch eine Drehbewegung auch öffnen lassen. Somit wird eine gute Matroschka-Puppe zu einem Präzisionsobjekt.

Nomen est omen

Der Name für den mittlerweile weltweit bekannten Puppentyp entstand in Anlehnung an den vor der russischen Revolution sehr weit verbreiteten Mädchennamen Matrjona oder Matrjosha. In diesem Namen steckt die lateinische Wurzel mater, was „Mutter“ bedeutet. Und so sollte die neue Puppenfigur auch Symbol für die Mutter einer großen Familie sein. Viele Jahre hindurch fungierte Maljutins Matroschka-Puppe als Muster für die Puppenmacher im Raum Moskau, insbesondere in der Stadt Sergijew Possad (zu sowjetischer Zeit: Sagorsk). In anderen Regionen wie zum Beispiel Nizhny Novgorod steht das Rosenmotiv im Vordergrund. In ­Wjatka, dem heutigen Kirov, werden Steckpuppen mit Stroh­intarsien ­ausgeschmückt.

Erst in den 1920er- und 1930er-Jahren wurde das Bildprogramm auf den Steckpuppen erweitert. Zu dieser Zeit sind erst­malig Märchenmotive und religiöse Darstellungen auf Matroschkas zu finden. Auf die Bemalung von Holzpuppen spezialisierte Künstler signieren seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts ihre Werke und gestalten so individuelle Kunst. Oft sind es Unikate.

Erweiterung

Matroschka-Maler nehmen sich heute gerne der ­kalten Jahreszeit an. So wird zum Beispiel dörfliches Leben im Winter in verschiedenen Facetten dargestellt. Auf den einzelnen Püppchen erscheinen unter ­anderem winkende Kinder, eine Frau, die mit Hilfe einer Stange zwei Eimer trägt, ein Kind mit Schlitten und verschiedene Tiere wie Vögel, Elch, Fuchs oder Hase in der winterlichen Landschaft.

Auf einer fünfteiligen Matroschka beispielsweise werden die winterlichen Accessoires der Kleidung en detail mit feinen Pinselstrichen dargestellt. Die Hauptpuppe zeigt ein umschlungenes Paar, bei dem sehr schön die winterliche Bekleidung zu sehen ist. Bemerkenswert ist der genau ausgearbeitete Pelzbesatz an Mütze und Winterkittel. Die weiteren Puppen zeigen die Freuden des Winters: eine Schlittschuhläuferin, eine Dame, die stolz ihr Winterkostüm vorführt, ein Kind, das einen Schneemann baut und schließlich die Stille einer Winterlandschaft.

Eine eher untypische Art von Steckpuppen sind die kegelförmigen Holzpuppen aus der Region Joschkar-Ola (Teilrepublik Mari El), zirka 250 Kilometer östlich von Nizhny Novgorod. Auch hier werden die schönen Seiten des Winters gezeigt: ein Mädchen und ein Junge, beide in dicker Winterkleidung vermummt, stehen hinter einem schneebeckten Haus an einem kerzengeschmückten Tannenbaum. Dann ein lustiger Schneemann und schließlich auf der dritten Kegelform Tannenbäume im Schnee. Die Maltechnik ist in diesem Fall einfacher, doch sind aus dieser Region auch sehr detaillierte und aufwändig gestaltete Lackmalereien bekannt.

Diese Beispiele zeigen, dass die Volkskunst dem Winter – trotz der zweifellos harten und oft entbehrungsreichen Monate – auch positive Seiten abgewinnen kann. Und es zeigt den Erfolg des „russischen Stils“, der nicht zuletzt die Kraft und Widerstandsfähigkeit der bäuerlichen Bevölkerung ins Bewusstsein rücken wollte.

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