Somit kann man das Jahr 1860 als Geburtsstunde der deutschen Porzellanpuppen-Industrie bezeichnen. In Thüringen sind Porzelliner, Arkanisten und Bildhauer als Modelleure ausgebildet und ansässig. Um 1880 entstehen eigenständige Entwürfe zur kindlichen Spielpuppe.
Historie
Die Entwicklung ging von der künstlerischen Porzellanfigur über die Büste zum Puppenkopf. Wir finden modellierte Blumen, Schleifen, Hauben und Hütchen, angegossen oder angarniert (angeschlickert). Um 1850 tauchten glasierte „Badepuppen“ als Spielzeug auf, ab 1860 Nanking-Puppen, Puppen auf buntem Stoffkörper. Der starke Glasurglanz widersprach der Lebensechtheit der Puppen und so wandte man sich einem feinen, matt-weißen Porzellan aus England zu, dem „Parian“.
Von 1860 bis 1880 hatten diese Puppen Damen-Gesichter mit Frisur und Haarschmuck sowie modellierte Juwelen und Blusen-Oberteile. Die Puppe zeigt uns so die Haarmode des 19. Jahrhunderts. Auch die Parian-Puppe mit der marmorweißen Gesichtsfarbe war noch ein Kunstobjekt, kein echtes Spielzeug. Mit der matten Bisquitmasse finden wir auch eingetönte Gesichter.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Preissenkung für Porzellan und einer Art Massenproduktion: einfache, nicht dekorierte Köpfe mit schlichten Frisuren werden glasiert und unglasiert in hoher Stückzahl angeboten. Erst nach 1880 werden Köpfe gemarkt, üblich wird dies erst 1890. Einige Firmen kommen damit noch später.
Herstellungsarten
Zur Produktion wird ein Modellkopf oft in verschiedenen Varianten ummodelliert. Es gibt viele Nachbildungen erfolgreicher Modelle. Manchmal benutzen kleinere Firmen auch einen gemeinsamen Modellkopf. Porträtpuppen berühmter Frauen (Königin Luise, Kaiserin Eugénie, Fanny Elßler, Jenny Lind) zu denen auch die Highland Mary gehört (sie war die Liebste des schottischen Dichters Robert Burns) sind keine echten Abbilder der Persönlichkeit. Und so beantwortet sich die Eingangsfrage: Nein, sie ist kein Kind. Aber eine typische Spielpuppe mit kindlichen Wangen.
Highland Mary wurde um 1880 von verschiedenen Firmen angeboten, zum Beispiel mit der Markung 1000#10 von Alt, Beck & Gottschalck in Nauendorf/Thüringen. Es gab sie als glasierte „China-Puppe“ mit gemalten Augen und blonder oder schwarzer Frisur sowie in Bisquit-Porzellan mit Glas- oder sogar Paperweight-Augen und gemalter blonder oder schwarzer Frisur.
Arbeitsmaterial
Wenn man – wie ich – einen handelsüblichen Stoffkörper kauft, sollte man auf lange Stoff-Oberschenkel achten. Die Gießformen sind von Seeley’s, jetzt New York Doll Products: Schulter-Kopf S701, Arme zum Beispiel A9621 und Stiefel-Beine zum Beispiel L9621. Nach der Fertigstellung misst Mary 63 Zentimeter. Gegossen sind die Teile in Lady White (Seeley’s) oder Fashion White (Bell).
Arbeitsschritte
Nach dem Entformen die Teile vor-versäubern, Nähte mit der Töpfernadel abstreifen, eventuell die Augen ausschneiden (noch nicht bis zum äußersten Rand), Nählöcher in die Schulter stechen, auch in Beine und Arme. Mit KwikClean-Pinseln können alle Teile bereits geglättet werden. Nach dem Trocknen bei Kegel 018 vorschrühen und nach dem Erkalten alle Teile in der Nassschleif-Technik versäubern. Der Scharfbrand des mit Brennwatte gestützten Schulterkopfs und der auf dem Rand stehenden Arme und Beine erfolgt bei Kegel 6.
Alle folgenden Malbrände bei Kegel 018 ausführen; das Medium für die Hauttönung ist Area, für alles andere Ultra Fine Line. Malfehler entferne ich mit einem feuchten Wegwisch-Pinsel.
Erster Brand: Kegel 018
1. Hauttönung (optional): Teile mit Medium dünn konditionieren, Farbauftrag mit Schwämmchen, verblenden mit Complexion-Pinsel, polieren mit großem Mop. Alternativ: Bisque Tone 2000 sehr dünn anmischen, Farbe mit Multipurpose Blender großzügig auftragen, Teile mit fusselfreiem Tuch abreiben, verteilen mit Complexion-Pinsel, glätten mit Mop, polieren mit Polisher-Pinsel.
Zweiter Brand: Kegel 018
1. Wimpern: Auge umranden, kurze, feine schräggelegte Wimpern mit dem Wimpernpinsel herausziehen
2. Augenbrauen: Unter- oder Einstrichbraue: ½ Eyebrow 7, ½ Eyebrow 3
3. Mund, Nasen- und Augenpunkte: ½ Rose Red, ½ Yellow Red, gleichmäßiger Farbauftrag mit Lippenp. Augenpunkte gegebenenfalls im nächsten Brand.
4. Rouge: Ruby Cheek Blush, bei sehr hellem Hautton: Cheek Blush
Dritter Brand: Kegel 018
1. Federbrauen: Farbe über die Unterbraue auftragen, daraus mit dem Wimpernp. einzelne Federn herausziehen; an Vorlage halten. Die Brauen sind recht wuchtig, die Striche liegen fast horizontal, sie sind kaum größer als der Augenausschnitt.
2. Frisur: mit Area Medium konditionieren, 3 bis 4 Teile French Gold, 1 Teil Dark Brown, ein paar Körnchen Matter anmischen; Farbe mit Multipurpose Blender auftragen, mit trockenem Schwämmchen glätten, bis der Farbauftrag stimmig ist. Eventuell Korrekturen, zweiter Rouge-Auftrag, gegebenenfalls Mittellinie zwischen den Lippen.
Bekleidung
Zum Stil der Zeit gehört die Volant-Verzierung, vor allem als Halskrause. Ein Mädchenkleid ist recht lang, die Stiefelchen schauen aber heraus. Der perfekte Stoff ist Baumwolle. Es gibt aber auch alte Kleider in Seide (hier Wildseide) mit üppiger Spitzenverzierung. Ich habe alte Spitzen verwandt, beim Blümchenkleid einen fertigen Kragen-Volant, beim Seidenkleid einen alten Spitzenschal als abnehmbaren Überrock. Alle Schnittteile sind ohne Nahtzugabe gezeichnet.
Den Rock und das Futter am Saum zusammensteppen. Danach die Dekoration aufheften und die hintere Naht schließen. Einen Schlitz offenlassen, danach Teile versäubern. Die Taille kräuseln, später auf Taillenweite zusammenziehen. Den Unterrock aus Batist fertigen. Er ist 15 Millimeter kürzer als der Rock, befestigen am Taillenbund. Der Saumabschluss entsteht aus aufgestepptem Volant aus Wäschespitze mit französischen Nähten.
Schulternähte in Stoff und Futter ausführen, anschließend rundum zusammensteppen und dekorieren. Danach ein dekoriertes Bündchen an beide Ärmel steppen, Seitennaht erstellen, in die Armkugel des Ärmels einnähen. Danach versäubern und alles vernähen.


















