Im Hessischen Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad sind die Halbpuppen und ihre Verwandten noch bis zum 30. Juni 2012 in einer umfangreichen Sonderausstellung zu bewundern. Die etwa 400 Exponate stammen aus der europaweit wohl größten Privatsammlung dieses Genres von Ilona und Ulrich Steinmark, die insgesamt etwa 800 Puppen umfasst. Das Ehepaar hat sich seit fast 20 Jahren auf Produkte aus deutscher Herstellung spezialisiert. Puppensammler kennen die Schwierigkeit der Zuordnung zu einer Firma, wenn die Stücke nicht markiert sind. Das ist häufig auch bei Teepuppen der Fall. Sie waren zugleich Dekorations- und Nutzgegenstand, manchmal winzig klein und Massenware, die nicht gekennzeichnet wurde.
„Die Marken sind seltener unterglasurblau mitgebrannt, häufiger als so genannte Blindmarken geprägt. Daneben erscheinen Modellnummern – Formnummern, gelegentlich die Exportbezeichnung GERMANY oder FOREIGN. Letzteres deutet an, dass viele Puppen exportiert wurden, eben weil ihre Funktion mehr dem gehobenen Lebensstil in englisch-amerikanischen Häusern entsprach“, weiß Ilona Steinmark. Sie selbst liebt dieses spezielle Sammelgebiet, weil sie schönes Porzellan besonders schätzt, aber auch die Handarbeit und die Gesamtheit der Puppe, die all dies in sich vereinigt.
Auf der Kaffeetafel
Mit einem bauschigen Unterteil versehen, dienten die Halbpuppen häufig als Kannenwärmer. Als Flachreliefs, in Form eines Kopfes, wurde sie gerne als Handtuchhalter eingesetzt oder auf Kissen angebracht. So wirkten sie als Schmuck und als Halter, an dem man das Kissen hochheben konnte. Sie zierten Bonbonnieren, Lampenschirme, Parfumflakons, Taufgeschenke und Puderquasten. Elegant bis witzig schmückten sie Kaffeetafeln und Schminktische, und aus dem Boudoir, dem französischen Damenzimmer, waren sie kaum wegzudenken. Ihre Blütezeit begann im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, reichte über die „Goldenen Zwanzigerjahre“ und endete in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. In dieser Zeit nahm allgemein die Beliebtheit von Porzellankopfpuppen zugunsten von unzerbrechlichen Materialien ab. Der Kriegsbeginn tat sein Übriges dazu.
Unter den Herstellern finden sich so bekannte Namen wie Goebel in Oeslau bei Coburg, die noch heute existieren, Dressel & Kister, Passau, Kloster Veilsdorf, Thüringen, Gebrüder Heubach, Lichte, Galluba & Hofmann sowie Aelteste Volkstedter, ebenfalls Thüringen, die in diesem Jahr ihr 250-jähriges Firmenjubiläum feiern. Auch Kestner & Comp., Puppensammlern bestens bekannt, haben diese zierlichen Büsten aus Biskuitporzellan produziert. Die Literatur hält wenig Informationen über Teepuppen bereit. Ihre Spuren finden sich natürlich in Ciesliks Lexikon der Deutschen Puppenindustrie, denn viele große Porzellanmanufakturen stellten neben Puppenköpfen auch die Büsten der Halbpuppen und anderen Nippes sowie Gebrauchsporzellan her.
Lieblingsmotive
Betrachtet man die lieblichen, meist 7 bis 25 Zentimeter messenden Büsten und Köpfe, fällt zunächst einmal das Material auf: glasiertes Hartporzellan. Gelegentlich finden sich Objekte aus Biskuitporzellan, noch seltener sind Werkstoffe wie Gips, Wachs und Stoff verwendet worden. Es gibt sie mit modellierter und bemalter Kleidung und mit edlen Stoffen versehen. Gerne wurden jedoch auch die unbekleideten Büsten gekauft oder verschenkt, um ihnen dann in eigener Handarbeit ein mehr oder weniger prächtiges Kleid maßzuschneidern. Beliebte Motive waren beispielsweise die Marquisen nach dem Vorbild des Rokoko, mit detailreich modellierten Frisuren und Blumenschmuck sowie kleinen Gegenständen wie Gießkannen, Früchten oder Blumen in der Hand.
Auch das Biedermeier mit kunstvollen Lockenfrisuren stand Modell für viele Halbpuppen. Historische Persönlichkeiten wie Marie Antoinette, Madame Pompadour, Kaiserin Maria Theresia oder die schwedische Opernsängerin Jenny Lind fanden zahlreiche Abnehmer. Berühmt sind auch die Varianten des „Schokoladenmädchens“ nach dem gleichnamigen Gemälde (1743) von Jean Etienne Liotard (1702-1789) oder das Abbild der französische Schauspielerin Madame Molé-Reymond, gemalt 1786 von der französischen Malerin Elisabeth-Louise Vigée-Lebrun (1755-1842).
Mode und Folklore
Die Firma Goebel legte mit den „Wilhelmsfelder Teepuppen“ eine äußerst erfolgreiche Modellreihe auf, auch die „Volkstümlichen“ mit regionalen Trachten fanden reißenden Absatz. Dazu zählen zum Beispiel die Elsässerin und die Oberbayerin, deren Qualität ausgezeichnet ist – sowohl was das Porzellan, die Modellierung als auch die feine Bemalung anbelangt. Aus einem Briefwechsel der Eheleute Steinmark und der Firma Geobel aus dem Jahr 1998 geht hervor, dass dort ab 1917 Halbpuppen produziert wurden. „Um 1919 hatte Goebel ungefähr 200 verschiedene Hauptnummern in der Porzellan-Teepuppen-Kollektion. Einige von ihnen waren in bis zu zirka zehn verschiedenen Größen erhältlich“, erklärt die Sammlerin.
In den 1920er-Jahren, den „Goldenen Zwanzigern“, erfuhr die Mode einen starken Wandel. Die Frau von Welt trug ihre Haare jetzt in kurzen Wellen, die Kleider mit tiefer Taille und Knielänge gewähren mehr Bewegungsfreiheit – die Frauen wurden aus dem enggeschnürten Korsett befreit. Dieser neue Frauentyp, die Garçonnes, zeigten Haut und waren selbstbewusst. Sie fanden sich auch bei den Halbpuppen, die ebenfalls mit dunklen Bubiköpfen und locker fallenden Blusen auftraten. Schmal und schlank, mit langgliedrigen Armen und Händen verkörperten sie den in der Epoche angesagten androgynen Typ. Das Art déco überspitzte diesen Stil mit geheimnisvollen Blicken aus stark geschminkten, übergroßen Augen. In diese Zeit fallen auch Motive von Mata Hari oder Josephine Baker sowie die traurig-schönen Pierretten und Pierrots mit seitlicher Schmachtlocke und schwerer Stirnlocke. Dressel & Kister aus Passau haben sich mit solchen Modellen einen Namen gemacht.
Die zirka 400 Exponate aus Ilona und Ulrich Steinmarks Sammlung sind noch bis zum 30. Juni im Hessischen Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad zu sehen. „Wir freuen uns, dort einen passenden Rahmen für die Sonderausstellung gefunden zu haben. Die Idee dazu hatten wir schon lange, doch kamen die mehrjährigen Umbau- und Sanierungsarbeiten dazwischen“, berichtet Ilona Steinmark. Und auch die Museumsleiterin freut sich über das Highlight. „Nach der Neueröffnung wandten sich die beiden an mich und schlugen mir vor, eine Sonderausstellung zu bestücken“, erinnert sich Dr. Maren Raetzer. „Die begeisterten Einträge im Gästebuch sind der Beweis für eine gelungene Ausstellung.“

