Grazile Stoffpuppen von Ingrid Kainz

Feinfühlig

25. Juni, 2013 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Grazile Stoffpuppen von Ingrid Kainz

Eine Frau voller Energie, voller Feingefühl, voller Ideen – das ist die Österreicherin Ingrid Kainz. So treten auch ihre Puppen auf – sie sind starke Frauenpersönlichkeiten aller Altersstufen. Klein sind sie und sehr fein gearbeitet aus Stoff. Doch ihr Innenleben hat es in sich.

Die Stoffpuppen von Ingrid Kainz sind mit Gelenken ausge­stattet, wobei die Künstlerin dieselbe Technik wie beim Bärenmachen verwendet: Splinte und Unterlegscheiben. „Am Anfang hat mein Mann die Scheiben noch selbst in seiner Werkstatt ausgestanzt – es gab so etwas nirgends zu kaufen“, erinnert sich die Puppenmacherin. Bei den ganz schmalen und zierlichen Puppen reicht allerdings manchmal schon ein Pfeifenputzer, um die Beweglichkeit zu garantieren.

Aus Kindertagen

Die Liebe zu Puppen sowie kleinen und feinen Arbeiten wurzelt in Ingrid Kainz‘ Kindheit: „Schon als kleines Mädchen war ich gerne in der Schneiderwerkstatt meines Vaters und nähte für meine Puppen, Stofftiere, Kleider und kleine Püppchen – von den Schneidern milde belächelt. Mein Vater freute sich jedoch über meine Nähversuche und half mir in seiner liebevollen Art, meine Vorstellungen zu verwirklichen. Das war damals schon der Beginn einer wunderbaren Leidenschaft: Stoffreste sammeln und nähen.“

Seit den 1990er-Jahren befasst sich die kreative Linzerin mit dem Bären- und Puppenmachen, zunächst nur im privaten Bereich. 2004 wurde sie das erste Mal zu einer Ausstellung in einer Galerie eingeladen – eine besondere Herausforderung für die Perfektionistin. 2009 nahm sie zum ersten Mal an der Doll-Art in Darmstadt teil und trat dem Verband europäischer Puppenkünstler (VeP) bei. In Österreich ist sie auf kleineren Börsen vertreten, doch da es kaum spezialisierte Ausstellungen und Events für Künstlerpuppen gibt, ist sie öfter in Deutschland unterwegs – wie beispielsweise bei den Sonderausstellungen des VeP, der Doll-Art oder den Puppenfesttagen in Eschwege.

Schon als Kind liebte sie Stoffe sowie das Nähen – und Dank der entsprechenden Fertigkeiten, die sie von ihrem Vater lernte, sind ihre Puppen handwerklich perfekt ausgeführt. Dafür kann sie schon mal einen ganzen Nachmittag „probenähen“ um zu testen, wie dehnbar der Stoff ist und wie viel Schnittzugabe notwendig ist. Erst, wenn sie die Eigenschaften der Materialien auf diese Art und Weise erkundet hat, macht sie sich an die eigentliche Arbeit. Ingrid Kainz‘ Puppen messen etwa 20 bis 40 Zentimeter und sind fast immer sehr schlank. Durch die Gelenke sind sie beweglich und können verschiedene Positionen einnehmen – wie etwa das „Vespafräulein“, das an einem lauen Sommerabend im duftigen Petticoat mit der Vespa unterwegs ist. Für diese junge Dame hat sie in diesem Jahr den Max-Oscar-Arnold-Kunstpreis in der Kategorie „Beste Darstellung einer Jugendlichen“ erhalten.

Geschichtenerzählerin

Die Arbeit am Vespafräulein ist von ihren eigenen Erinnerungen an die Jugendzeit Ende der 1950er-Jahre inspiriert: „Sonntags trafen wir uns bei Freunden und hörten Musik von mitgebrachten Platten. Coca Cola und Soletti waren dabei unser Luxus. Am schönsten war es jedoch, wenn wir mit unseren Freunden auf der Vespa durch die Gegend fuhren – mit wehenden Haaren und flatterndem Rock, bei dem der geliebte Petticoat keck hervorschaute … All das war für mich Freiheit pur!“

So erzählt sie mit jeder Puppe auch eine eigene kleine Geschichte, die sie entweder selbst erlebt oder sich ausgedacht hat. Ihr eigener Perfektionismus ist dabei der Maßstab – eine ungenaue Arbeit, ein loser Faden, eine abstehende Schleife – das gibt es bei Ingrid Kainz nicht. Mit Genauigkeit und Disziplin sorgt sie dafür, dass jede Puppe wunderbar ausgearbeitet ist. Charisma, Wärme und Individualität erhalten die Puppen durch den weichen Stoff und auch durch die liebevolle, warmherzige Art, die der Künstlerin zu Eigen sind. Denn auch wenn eine ihrer Puppendamen elegant, schick und sehr vornehm auf hohen Absätzen daherkommt, so doch auch immer mit einem Augenzwinkern, mit einem Hauch Selbstironie oder mit einem Lächeln.

Man merkt den Puppen an, wie viel Freude es der Künstlerin gemacht hat, sie zu erschaffen. „Der besondere Spaß beim Puppenmachen: Ich kann arbeiten, wann – was – und wie ich will. Meiner Fantasie kann ich freien Lauf lassen“, sagt die ehemalige ­Heilpädagogin. Neben dem Vespafräulein sind es feine Damen, mittelalterliche Motive, aber auch Naturwesen, die ihr Werk aus­machen.

Treffsicher

Als Inspirationsquelle hat sich Ingrid Kainz ihre kindliche Neugier und Vorstellungskraft bewahrt, die tatsächlich in ihrer Kindheit verankert ist: „Meine Mutter konnte sehr einfühlsam Märchen und Geschichten erzählen. Sie führte mich damit in eine Welt voll wundersamer Wesen. Das beflügelte meine Fantasie – ich sah sie alle bis ins Detail. Nun hatte ich ein Ziel: Nähen von Puppen und Fantasiewesen“.

Manchmal ist es der Blick in ein altes Fotoalbum, ein Museumsbesuch, die farbenprächtigen Fresken Südtiroler Kirchen oder einfach ein Stück Stoff – und schon entsteht in ihrer Vorstellung eine neue Puppe. Im Schaffensprozess – der bis zu 100 Stunden dauern kann – entwickelt die Puppe durchaus eine Eigendynamik und weicht vom ersten Entwurf deutlich ab.

Stoffpuppen

Oft werden Stoffpuppen unterschätzt – der Werkstoff wirkt auf viele Sammler weniger respekteinflößend als Porzellan, das traditionell viele Bewunderer findet. Und doch wohnt jeder ihrer Stoffpuppen ein Zauber inne, denn auch ihr Material will sorgfältig ausgewählt, zugeschnitten, genäht, gebügelt und gestopft werden. Die Künstlerin muss ebenfalls die Proportionen beachten, die richtige Menge an Füllmaterial einarbeiten, damit die Puppe eine gleichmäßige Figur erhält und Haltung annehmen kann.
Accessoires gehören zu jeder Puppe von Ingrid Kainz dazu – ein Täschchen, Schmuck, Blumen, kleine Salzburger Gewürzsträußchen, Mini-Tiere als Begleiter – alles fertigt sie mit eigener Hand. Dabei verarbeitet sie Perlen oder verwendet Spitzen, Bänder, und Borten aus ihrer riesengroßen Sammlung.

Gerade weil Stoffpuppen manches Mal weniger Beachtung als Puppen aus Porzellan, Papiermaché oder Modelliermasse finden, freut es die Linzerin immer besonders, wenn den Besuchern von Börsen und Ausstellungen ihre Puppen gefallen. „Es ergeben sich immer wieder sehr nette Gespräche, die dann mit einem Kauf belohnt werden. Lustig fand ich die Frage eines Mannes, ob man diese Stoffpuppe auch in der Waschmaschine waschen könne. Dabei zeigte er auf eine Figur, die aus Samt und Seide – verziert mit Perlen und Goldborten, gearbeitet war. Mit dem Waschergebnis wäre er wohl nicht zufrieden gewesen“, berichtet sie von einer denkwürdigen Begegnung. Dies sind eben die Orte und Gelegenheiten, wo es fantasievolle Puppen gibt, die nicht im Handel zu finden sind. „Sammler sollten nicht zu lange überlegen und rechtzeitig zugreifen“, findet die Mutter einer erwachsenen Tochter, die als Kind ihrerseits mit selbstgenähten Spielpuppen bestens versorgt wurde.

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