Ein Sultan aus dem Hause Lenci

Rund und bunt

5. Mai, 2016 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Ein Sultan aus dem Hause Lenci

Man schreibt das Jahr 1925 – die bunte Fantasie-Welt der italienischen Lenci-Puppen steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die Zahl der verschiedenen Lenci-Typen ist so groß, dass kein Katalog sie alle erfasst. Und sie ist so groß, dass von den einzelnen Serien nur wenige Exemplare hergestellt werden konnten. Eines dieser seltenen Individuen war der „Sultan“.

Der 1925/26 hergestellte „Sultan“ erhielt eine Kleidung, die absolut einmalig ist, es gibt keinerlei vergleichbare Ausstattung weder bei Lenci noch in der gesamten übrigen Puppenwelt. Von den spitzen Schuhen über die gewickelte Hose, die bildschöne, bestickte Jacke bis zum Turban ist „Sultans“ gesamte Kleidung einzigartig. Sein runder brauner Bauch wölbt sich gemütlich, die runden Backen zeugen ebenso von viel guter Nahrung. Die Augen sind vor lauter Speck schon recht zusammengedrückt. Aber das macht dem „Sultan“ nichts aus. Er ist sich seiner Würde und Macht vollauf bewusst.

Gutmütiger Potentat

Eigentlich, wie es von der Firma geplant war, sitzt der „Sultan“ auf einem dicken weichen Kissen. Doch leider ist es im Laufe der vielen Jahrzehnte und der chaotischen Zeiten in der Regel verloren gegangen. Die einzigen Kissen, die ich kenne, sind nachgearbeitet. Das allerdings erkennt man praktisch nicht, denn Filz-Gegenstände können sehr gut nachgearbeitet werden. Und es tut der Einmaligkeit des dicken Herrschers keinen Abbruch.

Besonders charmant finde ich, dass auf der Jacke des „Sultans“ verschiedene Tiere eingestickt sind. Löwen und Elefanten spielen miteinander, Palmen stehen darüber, ein Sichelmond scheint – das Ganze ist rührend verspielt und vor allem ungeheuer aufwändig. Selbstverständlich hat der mächtige Herr als Schmuck eine Art Fächer. „Sultan“ ist nicht der einzige Exot, Lenci hat noch sehr viele andere bunte Gestalten hergestellt, alle verständlicherweise in kleinen Stückzahlen. Diese Figuren waren sehr teuer in der ­Fertigung. Da gleichzeitig noch das Sortiment extrem ausgedehnt wurde, liegt es eigentlich auf der Hand, dass so etwas keine Firma in Zeiten sich verschlechternder Konjunktur durchhalten konnte.

Lust am Dekorieren

Es scheint, als wäre es Lenci nicht in erster Linie um den wirtschaftlichen Erfolg, auch nur begrenzt um die Spielfreude der Kinder gegangen. Elena Scavini ließ sich wohl mitreißen von ihrer Freude am Dekorativen. Sie war ein Augenmensch, eine Frau, die selbst Skulpturen machte. In einem Land, wo diese dekorativen Elemente eine hohen Stellenwert hatten und in einer Stadt, die zu dieser Zeit das Mekka ausgefallener Keramik war. Die Firma war über Jahrzehnte bis in die Nachkriegszeit auch eine berühmte Vasen- und Skulpturen-Herstellerin. Lenci-Keramik ist noch heute weltberühmt und sehr gesucht.
Einige Jahre später bremste die dramatische Wirtschaftslage in den USA – die die Lenci-Figuren und -Puppen am meisten schätzten – den Höhenflug der Firma. Die Zahl der unterschiedlichen Serien wurde deutlich reduziert, Lenci setzte verstärkt auf die Spielpuppen. In den drei bis vier Jahren zuvor jedoch schenkten uns die Turiner so eine bunte und witzige Vielfalt wie keine andere Puppenfirma jemals zuvor und danach. Wir erwischen diese Gestalten heute sehr selten, aber wenn, sind sie ein einmaliges, extravagantes Zeitzeugnis der „roaring twenties“.

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