Egal ob der Betrachter nun herzlich lacht oder eine Träne vergießt, wichtig sei, dass die Puppe ihn berühre. Und dass er, wenn er nach Hause geht, die Erinnerung an sie bewahrt, damit sein Gedächtnis diese Puppe jederzeit abrufen kann. „Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte mit sich herum, ob es eine glückliche oder traurige ist. Meine Figuren erzählen davon.“ Die Künstlerin räumt ein, dass kommerzielles Denken nicht ihr Ding ist. Wenn sie sich also auf den Weg zu einer neuen Ausstellung macht, ist für sie nicht der finanzielle Erfolg entscheidend. Für sie ist es schlicht das Wichtigste, das alle ihre Geschöpfe ihren sicheren Platz im Reisegepäck finden.
Kindertage
Als Ankie Daanen sieben Jahre alt war, träumte sie von einer Karriere als Balletttänzerin oder Opernsängerin. Aber sie genoss es auch, neben ihrer Mutter an der Nähmaschine zu hocken und auf Stoffreste zu warten, die bei der Anfertigung von Kinderkleidung abfielen. Daraus ließen sich nämlich traumhaft schöne Ballroben für ihre Barbie- und handgemachten Puppen zaubern. Heute weiß sie, dass die Parallelen zwischen der Puppenkunst und der Aufgabe einer Balletttänzerin unverkennbar sind. Beides erfordert nämlich ein hohes Maß an Konzentration und totale Hingabe.
Wie ihre persönliche „Puppen-Geschichte“ vor 30 Jahren begonnen hat? Die ausgebildete Lehrerin und Musiklehrerin suchte lange nach einem Weg, ihrer kreativen Energie eine sinnvolle Richtung zu geben. Eines Tages besuchte sie zum ersten Mal eine Puppenausstellung, ging nach Hause und kehrte dreimal dorthin zurück. Die dort entdeckten Puppen tippelten fortan durch ihre Tag- und Nachtträume und ließen sie nicht mehr los, bis für sie feststand, dass sie Puppen machen wollte und nichts anderes. Sie nahm Unterricht bei bekannten Puppenkünstlern, entwickelte aber sehr bald eine eigene Handschrift, und machte Hunderte von Puppen. Anfangs arbeitete sie mit lufttrocknendem Darwi Ton. Später entdeckte sie die Schönheit, Durchsichtigkeit und Haltbarkeit von Porzellan, mit dem sich Haut wunderbar simulieren lässt. Weltweit stellt sie ihre Puppengeschöpfe auf Ausstellungen vor. Sie ist stolzes Mitglied von DABIDA (Dutch and Belgian Institute of Dolls Artists, ein Verband niederländischer und belgischer Puppenkünstler) und NIADA (National Institute of American Doll Artists, eine amerikanische Vereinigung internationaler Künstler, die alljährlich an wechselnden Orten in den USA eine Konferenz abhält).
Gesamtkunstwerk
Das Puppenmachen ist für die niederländische Künstlerin ein spontaner Prozess. Neue Einfälle springen sie förmlich an. Sobald die Grundform modelliert ist, werden die Gießformen hergestellt. Anschließend bearbeitet sie die Form erneut. Auf diese Weise entsteht jedes Mal ein Unikat. „Form und Konstruktion, die Auswahl und Verarbeitung der Stoffe, die Bestimmung des Faltenwurfs, all das ist immer aus einer, nämlich meiner Hand“, erklärt sie stolz. „Das Fundament für das Puppenmachen“, verdeutlicht Ankie, „ist natürlich handwerkliches Können und Geschick, aber es erfordert auch das bewusste Wahrnehmen von Emotionen und Ausdruck sowie ein gewisses Fingerspitzengefühl für die zur Komposition passenden Stoffe.“
Mimik, Gestik und Kostüm bilden bei ihren Schöpfungen stets eine Einheit. Schmuck, phantasiereiche, farblich auf die Figur abgestimmte Stoffe, Lederreste, Halskrausen, Puffärmel, Hüte und Kappen runden den Gesamteindruck der Komposition oder Stimmung perfekt ab. „Ein Stoffgeschäft ist für mich wie ein Bonbonladen. Ich kann der bunten Vielfalt einfach nicht widerstehen“, schwärmt sie. Gern lässt die Künstlerin sich von ihrem angeborenen Jagdinstinkt in Trödelläden und auf Flohmärkte locken, wo sich so manche alten Schätzchen – ungewöhnliche und extravagante Stoffe oder stilvolle Requisiten – als hervorragende Partner für ganz spezielle Puppenkreationen erweisen. In Spanien ist der Riesenflohmarkt von Jalón ein gutes Jagdrevier, obwohl die Gegend eigentlich mehr für ihre vorzüglichen Weine, Rosinentrauben, Mandeln und Oliven berühmt ist als für Flohmärkte oder Puppenkünstler. Die Stoffe, die sie um ihre Figuren drapiert, verleiht ihnen ein weiteres bildhauerisches Element, die Essenz des emotionalen Aspekts von Kunst. Von Anfang an hat sie es abgelehnt, Künstlerkollegen zu kopieren. Denn: Authentizität ist alles. Klassische Puppen gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie etwa die Fantasy-Puppen ihrer neuen Serie „Mein neuer Stamm“: kleine Figuren aus einer anderen Welt, aber mit erkennbar gefühlvoller Ausdrucksskala. Diese reicht von verträumt, verschmitzt oder nachdenklich bis hin zu melancholisch.
Authentischer Stil
Ankie ist stolz darauf, über die Jahre ihren eigenen Stil entwickelt zu haben. „Die vergangenen 30 Jahre haben eine große Anzahl von Puppenkünstlern aus aller Welt hervorgebracht. Die Begegnung mit ihnen und ihren Puppen stimuliert mich sehr.“ Voller Bewunderung spricht sie von den Arbeiten russischer und japanischer Künstlerinnen. Ihren Drang nach puppentechnischer Perfektion räumt sie zwar ein, betont aber, dass eine Puppe nicht vollkommen sein muss. Ausdruck, Ausstrahlung, Geste und Bewegung entscheiden darüber, ob eine Puppe im Betrachter Emotionen auslöst oder nicht. Es ist der Gesamteindruck, der zählt.
„Eins ist sicher“, weiß sie aus Erfahrung, „man hat als Puppenkünstlerin nie ausgelernt. Medium und Stoffe lassen sich auf 101 unterschiedliche Art und Weise kombinieren, sodass Phantasie und handwerkliches Geschick immer wieder aufs Neue gefordert werden.“ Deshalb steht fest: Ihre Fangemeinde wird das Staunen niemals verlernen. Niederländische Puppenkünstler sind mittlerweile be- und anerkannt für ihren unkonventionellen Umgang mit Form und Material. Die Niederlande mit ihrem weit offenen Himmel über pastoralen Landschaften waren schon seit eh und je für die positiven Einflüsse aus aller Welt zugänglich, was auch für ihre Puppenkünstler gilt. Sie besitzen die Gabe, der Puppenkunst immer wieder neue, erfrischende Dimension und Impulse zu geben.
Das Leben ist eine Bühne
Ankie Daanen strebt nicht danach, weltberühmt zu werden. Als beglückend empfindet sie es, wenn ihre Talente gewürdigt werden. Die Inszenierung und, ganz wichtig, die Kostümierung ihrer Figuren erinnern an ein Theaterstück, in dem der Betrachter und seine Phantasie Regie führen. Je genauer er die schillernden Akteure und ihre eindringliche Gebärdensprache in Augenschein nimmt, desto mehr denkt er in sie hinein. Die perfekte Puppe zu machen, eine, die eine kleine Ewigkeit im Gedächtnis bleibt, davon träumt sie.
Zweimal im Jahr hält die inzwischen nach Spanien gezogene Niederländerin mit ihrer Künstlerkollegin und Landsmännin Marlaine Verhelst für eine Gruppe von jeweils zwölf Studenten die so genannten „The Dutch Touch“-Meisterkurse in den USA ab – und das seit immerhin 13 Jahren. Und wiederum zweimal im Jahr widmet sie sich in Spanien Studenten aus aller Welt in ihrer ADDA (Ankie Daanen Dollmaking Academy). Eine gelungene Kombination aus Urlaub und Puppenmachen. Im Gegensatz zu der Touristen-Brigade, die in Spanien Sand und Sandwiches sucht, geben ihre Kurse Gelegenheit, neben der eigenen Kreativität den Reiz von Land, Leuten und den der spanischen Küche mit ihren herrlichen Weinen zu entdecken. In ihrem Casa de la Suerte (Haus des Glücks) in Lliber an der Costa Blanca im zauberhaften Weintal Jalón finden ihre Dollmaking-Kurse statt. Dort kann man alte Freundschaften auffrischen, neue schließen und wird am Ende der sieben Tage mit einer von Kopf bis Fuß phantasievoll eingekleideten „Muneca“-Puppe aus selbsthärtendem Ton belohnt, die unter den eigenen Händen entstanden ist.
Kunst, die von Herzen kommt
Seit 2003 sind diese, wie alle ihre Kurse, ein voller Erfolg. „Ob in den USA, in Kanada oder Russland, Marlaine und ich sind immer ein gutes Team“, schwärmt Ankie. „Ich mag amerikanische Studenten sehr“, erzählt Ankie. „Sie kommen in Doll Clubs zusammen, teilen ihr Wissen miteinander, laden gern gute Lehrer ein und sind in hohem Maße daran interessiert, künstlerisch und handwerklich zu wachsen.“ Was sie an ihnen schätzt ist, dass Amerikanerinnen Kunst erwerben, die von Herzen kommt und die sie mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand kaufen. „Sie umgeben sich in ihrem Heim gern mit schönen Dingen. Ob die Puppe wertsteigerungsverdächtig ist, interessiert sie nicht.“ Und sie haben eine tiefe Bewunderung für die Künstler, die diese schönen Puppen schaffen. „Das inspiriert auch mich, weiterhin Puppen zu gestalten, die ein Teil meiner Seele sind.“ Wenn sie keine Puppen mehr machen könnte, würde ihre Kreativität nicht mehr in ihren Kopf passen. „Ständig drängen, ja kämpfen sich neue Ideen aus meinem Kopf heraus, die sofort umgesetzt werden wollen.“ Bleibt zu hoffen, dass Ankie Daanen dem Drängen weiter nachgibt.
Eva Masthoff

