Die Porträtpuppen von Gerlinde Bartelt-Stelzer

Geschichtsstunde

31. Oktober, 2011 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Die Porträtpuppen von Gerlinde Bartelt-Stelzer

Gerlinde Bartelt-Stelzer liebt die Abwechslung. Die Bandbreite ihrer Exponate reicht von bedeutenden Persönlichkeiten der Geschichte über Kinderdarstellungen bis hin zu Moorleichen für das Naturhistorische Museum in Wien. Doch egal was ihr Atelier verlässt: die Kreationen sind in Kunst und Wissenschaft gleichermaßen hoch angesehen.

Am liebsten fertigt die Österreicherin Porträts von Personen, die ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden haben. Vor allem bedeutende Landsleute. Die Riege reicht dabei von Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sisi, über den genialen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und Sigmund Freud – Begründer der Psychoanalyse – bis zum Unternehmensgründer Ferdinand Porsche. Damit ist das breite Spektrum jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Und wenn sie bei der Wahl der Charaktere ihre Heimat verlässt, polarisiert die Künstlerin auch gerne. Ein namenloser chinesischer Gelehrter steht da neben solch fragwürdigen Zeitgenossen wie Saddam Hussein und einer Figur, die sie Osama genannt hat.

Vielschichtig

Ihr bevorzugter Werkstoff ist die Modelliermasse Cernit. Diese kommt vor allen Dingen bei der Gestaltung von ­Porträts zum Einsatz. Wenn es um Puppen­kinder und Märchenfiguren geht, schwört die Künstlerin hingegen auf das klassische Porzellan. Beim Formenbau wiederum setzt sie auf Gips und – für die großen Figuren – auf Polyester. Jedes Stück, das ihre Werkstatt verlässt, ist ein Unikat. „Alles andere ist mir zu langweilig“, gibt sie freimütig Auskunft. „Ich habe aber große Hochachtung vor den Kolleginnen, die sich der Herstellung von Serien widmen.“ Meistens arbeitet Bartelt-Stelzer auch an zwei oder drei Objekten gleichzeitig. „Man wird dann nicht so schnell betriebsblind, weil sich der Blickwinkel immer wieder verändert.“

Gerlinde Bartelt-Stelzer beschäftigt sich schon lange mit unterschiedlichen Formen des künstlerischen Ausdrucks. So leitete sie über 30 Jahre ein Team, mit dem sie Modenschauen veranstaltete. Während dieser Zeit lagen auch Choreographie, Musik, Bühnengestaltung und Moderation in ihrer Verantwortung. Das kreative Gestalten, die Malerei und ihre bildhauerischen Arbeiten sind Lebensinhalt der Künstlerin. Beruflich wie privat. Stets mit Leidenschaft und Enthusiasmus, ohne dabei die nötige Professionalität vermissen zu lassen. Gefragt sind ihre Arbeiten nicht nur bei privaten Sammlern oder Kunstgalerien, sondern auch von naturkundlichen Museen. Damit verfügt Gerlinde Bartelt-Stelzer über ein einzigartiges Portfolio. Denn welcher Künstler kann schon von sich behaupten, eine Nominierung für den Award of Excellence des amerikanischen Magazins „Dolls“ erhalten zu haben, während er gleichzeitig Moorleichen für Naturkundemuseen modelliert?

Gemälde in 3D

Für das Kunstprojekt Koryphäum modellierte sie von 1997 bis 2000 lebensgroße Figuren nach berühmten Gemälden. So entstand begehbare Kunst im dreidimensionalen Raum. Drei Jahre lang arbeitete sie an diesem ambitionierten Vorhaben und fertigte insgesamt 23 Szenen mit nicht weniger als 78 Figuren. Darunter waren die „Mona Lisa“ und „Das letzten Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, Albrecht Dürers „Selbstporträt“, Karl Spitzwegs „Der arme Poet“ und Paul Cézannes „Kartenspieler“. Die Präsentation, die zunächst auf Burg Forchtenstein im Burgenland und später im Haus der Kunst in Baden bei Wien zu sehen war, fand internationale Beachtung und ist ein absoluter Höhepunkt in der Karriere von Gerlinde Bartelt-Stelzer.

Einen weiteren persönlichen Meilenstein setzte sie im Jahr 2004, als ihr vom österreichischen Bundespräsidenten Dr. Thomas Klestil die Professorenwürde verliehen wurde. Zu dieser Zeit begann Gerlinde Bartelt-Stelzer auch ihre Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum in Wien. „Unter der Leitung von Professor Doktor Bernd Lötsch durfte ich einige der prägnan­testen Phänomene der Menschheitsgeschichte nachbilden“, schwärmt die Künstlerin. „Und zwar einerseits in ihrer wissenschaftlich belegbaren Original­größe und andererseits als kleine ­Figurinen in Porzellan.“

Lehrreich

Entstanden sind in diesem Zusammen­hang auch Ausstellungsstücke für die Schau „Venus von Willendorf“. Außerdem bildet die vielseitige Künstlerin Moorleichen wie den Tollund-Mann nach, der in den 1950er-Jahren in Dänemark entdeckt worden war. Im Jahr 2009 entwarf sie etliche Exponate für eine Sonderausstellung, die sich mit Werk und Forschung von Charles Darwin beschäftigte. „In dieser Zeit habe ich viel gelernt“, berichtet Gerlinde Bartelt-Stelzer. „Die Arbeit war interessant, aber auch eine große Herausforderung. Jede Besprechung war wie eine kleine Vorlesung.“

Neben den vielen Modellieraufträgen, die es zu erledigen gilt, gibt sie ihre Kenntnisse in Seminaren weiter. Es ist kein Zufall, dass diese Kurse gesellig klingende Titel wie „Malen in fröhlicher Runde“ tragen. „Gerne sitze ich mit meinen Schülern bei einem Glas Wein zusammen und wir diskutieren über Kunst und Malerei“, berichtet Gerlinde Bartelt Stelzer. „Das stille Hügelland meiner Heimat mit ihren herrlichen Weinbergen bildet dafür die perfekte Kulisse.“ Abende wie diese sind es, die zur inneren Zufriedenheit der Künstlerin beitragen – und so den fruchtbaren Nährboden für ihre vielschichtigen Exponate bilden.

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