Der Reiz der Gegensätze

Groß und klein

19. September, 2015 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Der Reiz der Gegensätze

Das Unternehmen Kämmer & Reinhardt erkannte früh das Potenzial der Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode kommenden Charakterpuppen und begann damit, lebensnahe Puppen zu produzieren. Beflügelt durch den großen Erfolg wurden viele Puppen-Typen in verschiedenen Varianten gefertigt, deren Vergleich untereinander spannende Resultate zu Tage fördert.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts waren immer häufiger individuelle Puppendesigns gefragt und so kamen die sogenannten Charakterpuppen auf den deutschen Markt. Die Puppe sollte nicht mehr Ideal und Vorbild sein, vielmehr ging es um Naturalismus und Realismus. Dieser Reformbewegung schlossen sich Künstler und Bildhauer wie Marion Kaulitz, Max und Käthe Kruse sowie Arthur Lewin-Funcke an.

Trendwende

Auch die Industrie erkannte die Zeichen der Zeit. Kämmer & Reinhardt in Waltershausen, eine der bedeutendsten Puppenfabri­ken, schloss sich der Reformbewegung an und machte sich in Zusammenarbeit mit dem Berliner Bildhauer Arthur Lewin-Funcke daran, Charakterpuppen zu fertigen. Dies markierte den Beginn einer Erfolgsgeschichte, die im Jahr 1909 mit dem „Kaiserbaby“ begann. Es ebnete den Weg für die berühmte 100er-Serie von Kämmer & Reinhardt.

Einige dieser von Lewin-Funcke geschaffenen Puppen waren meisterhaft geformte Abbilder des realen Lebens, insbesondere die seiner Kinder. Bei der Gestaltung der Puppengesichter wurde besonderer Wert auf die Partien gelegt, die die Mimik des Gesichts bestimmen wie Augen, Mund und Nase. Die sorgsame Modellierung und feine Bemalung der Köpfe standen für Ästhetik und Harmonie. Den Augen und ihrer Bemalung kam ebenfalls eine große Bedeutung zu, später ergänzt durch den Reiz der Glasaugen.

Die Puppen der 100er-Serie kamen in verschiedenen Größen und Varianten auf den Markt. Zwischenzeitlich wuchs die Konkurrenz immer mehr und Marketing-Gesichtspunkte gewannen mit der wachsenden Wohlstandsgesellschaft an Bedeutung. Auf diese Weise entstanden eine ganze Reihe unterschiedlicher Charaktere, von denen es häufig unterschiedliche Varianten gab. Verglichen werden im Folgenden eine große sowie eine kleinere Version bestimmter Seriennummern. Dabei werden Qualitätsmerkmale betrachtet sowie der Publikumsgeschmack und die Kriterien der jeweiligen Zeit angesprochen.

Charakterjunge 102

Die Seriennummer 102 mit modelliertem Haar gehört zu den seltenen Charakterpuppen von Kämmer & Reinhardt, besonders in der Größe 54 Zentimeter. Mit dem Gesicht des Jungen wird in individueller Weise ein Menschenbild dargestellt, von dem eine seltene Faszination ausgeht. Selbst Kinder sind von dem Gesicht gebannt. Arthur Lewin-Funcke modellierte die Form dieses Puppenkopfes detailgetreu nach der von ihm 1898 geschaffenen „Knabenbüste“, selbst die Gestaltung der Haare entspricht dem Original. Die Jungenpuppe Carl stellt ein älteres Kind mit einem schmalen, nachdenklichen Gesicht dar. Der Jungenkopf wirkt so naturgetreu, dass man kaum glauben kann, hier einen Puppenkopf vor sich zu haben.

Der 30 cm große Charakterjunge zeigt trotz des Größenunterschieds in Ausführung und Bemalung keine Unterschiede. Die Biskuit-Kurbelköpfe der Jungen sind hell getönt, das modellierte, natürlich fallende Haar ist blond bemalt. Die Wangen erscheinen weniger füllig als sonst in der 100er-Serie üblich, das Kinn ist spitz zulaufend. Die ausgeprägt geformten Ohren sind relativ groß. Beide Jungen haben blaue Augen mit dunklem Lidstrich, dunklen Pupillen mit Umrandung der Iris. Der Augenschnitt mit ausmodelliertem Ober- und Unterlid ist leicht schräg, die blonden Augenbrauen geschwungen. Unter der geraden Nase zeigt der ausgeprägt modellierte volle Mund eine dunkle Mittelschattierung, als ob er leicht geöffnet ist. Beide Jungenpuppen haben fein geformte Kugelgelenkkörper. Der einzige Unterschied liegt bei der kleineren Puppe in der Ausformung der gewölbten Hände, die gespreizten Finger sind nur angedeutet. Beide Jungen tragen zeittypische Matrosenkleidung. Die Jungenpuppe 102 von Kämmer & Reinhardt in der Verbindung Kind-Künstler-Puppe hat für Sammler von Charakterpuppen einen besonders hohen Stellenwert.

Charakterjunge 107

Die Seriennummer 107, 55 und 30 Zentimeter groß, ist als Weiterentwicklung der Knabenpuppe 102 zu sehen. Das modellierte Haar wurde durch eine mittelblonde Mohair-Perücke im Pagenschnitt ersetzt. Der Biskuitkurbelkopf mit ernstem Gesichtsausdruck, gemarkt K[Davidstern]R 107 55, ist etwas weicher modelliert als die Urform. Die feine Gesichtstönung harmoniert mit den ausdrucksvollen blaugrauen Augen mit dunkler Pupille und dunklem Lidstrich. Der Blick ist ein wenig nachdenklich. Leicht geschwungene, in einem Strich gemalte Augenbrauen ergänzen die Augenpartie. Die etwas nach unten gezogene Mundpartie zeigt volle, leicht schattierte Lippen, darunter ein ausgeprägtes Doppelkinn. Augenfällig sind auch hier die gerade Nase und insbesondere die großen, sorgsam modellierten Ohren. Der Kopf ist auf einen typischen Kugelgelenkkörper montiert. Der Junge trägt einen braunen, in ländlichem Stil gearbeiteten Original-Samtanzug. Dazu gehören Dreiviertelhosen, Jackett und passende Kappe, geringelte Socken und braune Lederschuhe.

Auch der 30 Zentimeter große Charakterjunge (K[Davidstern]R 107 30) zeigt weich geformte Gesichtszüge. Die blauen Augen mit dunkler Pupille und entsprechendem Lidstrich blicken interessiert in die Welt, die geraden Augenbrauen sind in einem Strich gemalt. Auch hier beeindrucken die gerade Nase und der schön modellierte, in hellem Rot bemalte Mund. Er ist nicht ganz so ausdrucksvoll. Dieser Kopf ist auf einem hautfarbenen Kugelgelenkkörper montiert. Der kleine K&R-Junge 107 trägt komplette Original-Trachtenkleidung: die maschinell gestrickte Tiroler-Kleidung besteht aus Leibchen, grau-grüner Jacke, grüner Strickmütze mit dekorativer Feder, Wadenstrümpfen und schwarzen Lederschuhen. Die Kleidung beider Puppen ist beispielhaft für die damals neue Geschäftspolitik der Firma Kämmer & Reinhardt. Die Puppen wurden jetzt überwiegend mit kindlicher Kleidung ausgestattet, Trachten waren bei Jungenpuppen besonders beliebt.

Charaktermädchen 109

Die Mädchenpuppe „Elise“ gab es in 39 und 50 Zentimeter. Hier ist die unterschiedliche Gestaltung der Köpfe interessant. Wir beginnen mit der größeren Puppe, gekennzeichnet K[Davidstern]R 109 50. Der fein modellierte Biskuit-Kurbelkopf zeigt ein eher rundes Mädchengesicht mit gemalten blaugrauen Augen. Sie sind dunkel umrandet, auch der Lidstrich ist dunkel. Ausdruck verleihen die weißen Lichtpunkte sowie die roten Augenwinkelinnenpunkte wie auch die hellbraunen Augenbrauen mit feiner dunkler Kontur. Die Nase mit roten Nasenpunkten ist schön geformt, der geschlossene, ausdrucksvolle Mund in warmem Rotton mit Schattierung bemalt. Das modellierte Kinn zeigt ein angedeutetes breites Kinngrübchen, die Ohren sind sorgsam geformt. Die zarte Gesichtsbemalung wird durch rosig getönte Wangen belebt. Die mittelblonde Echthaar-Perücke mit Mittelscheitel ist in weiche Locken gelegt, der schöne K&R Kugelgelenkkörper gut erhalten. Die alte Ausstattung der Puppe umfasst Unterwäsche, ein aufwendig gearbeitetes, bunt kariertes Sommerkleid mit Bortenbesatz. Die Kleidung wird ergänzt durch weiße Kniestrümpfe und braune Halbschuhe der Größe 8, Firma Bergmann.

Interessant ist der Vergleich mit der 38 Zentimeter großen „Elise“, gekennzeichnet K[Davidstern]R 109 39 cm. Hier ist der Biskuit-Kurbelkopf des Mädchens oval geformt, die zarte Gesichtstönung unterstützt die liebliche Ausstrahlung. Die Augen in intensivem Blau zeigen eine dunkle Pupille und einen dunklen Lidstrich. Die schön geformte Nase ist mit Nasenpunkten versehen, der geschlossene Mund rötlich-orange getönt. Die blonde, leicht gelockte Original-Mohairperücke umrahmt das feine Gesicht. Der Kugelgelenkkörper ist sehr gut erhalten, die ausgeprägt modellierten Hände sorgfältig bemalt. Die Puppe trägt Originalkleidung, dazu gehören Unterwäsche mit Unterrock, ein zartes Batistkleid mit Röschen-Muster, geschmückt mit Stickerei-Einsätzen und Seidenbanddurchzug. Ein schöner Strohhut, ebenfalls mit Seidenband, weiße Strümpfe und weiße Lederschuhe vervollständigen die Ausstattung. Jede der Puppen hat ihre eigene Ausstrahlung und eine ausgeprägte persönliche Note, die Zusammengehörigkeit der Mädchenpuppen bleibt dennoch sichtbar.

Charakterjunge 112

Der 46 Zentimeter große Charakterjunge „Walter“ wurde 1910 unter diesem Namen in Playthings vorgestellt. Der Jungenkopf ist aus feinstem, hellem Biskuitporzellan gegossen, die Bemalung sorgsam ausgeführt, Kennzeichnung K[Davidstern]R 112 46. Unter den Strichaugenbrauen blickt man in blaue Augen mit Lichtpunkten und dunkler Pupille, ergänzt durch einen dunklen Lidstrich. Unter der gut geformten Nase zeigt der offen-geschlossene Mund oben zwei modellierte Zähne und volle Lippen mit Farbschattierung. Die Original-Mohairperücke ist mittelblond, der perfekt erhaltene K&R Kugelgelenkkörper original. Die Jungenpuppe trägt komplett erhaltene Schottenkleidung in grün-blau mit Zubehör. Sie besteht aus einer weißen Untertaille, karierten Hosen, einer ­dunkelblauen Samtjacke mit weißem Kragen und einem karierten langen Schal mit Schnalle. Der Schottenrock wird ergänzt durch karierte Stutzen und braune Lederschuhe. Ein dunkelblaues Samtkäppi mit ­karierter Einfassung darf nicht fehlen. Deko-Schleifen in hellem Grün ergänzen die perfekte Ausstattung dieser raren Charakter­puppe in Museumsqualität.

Die kleinere Version des Jungen „Walter“ wurde als Baby hergestellt. Der fein modellierte Biskuitkurbelkopf des Charakter­babys ist gekennzeichnet KR 112 34. Der Junge hat blaue Augen mit dunkler Pupille und Lidstrich. Die kurzen Augenbrauen sind in einem Strich gemalt, der offen-geschlossene Mund zeigt auch hier zwei gemalte obere Zähne und die Zunge. Über den ausmodellierten Ohren sitzt die kurz geschnittene, mittelblonde Jungenperücke aus Mohair. Der schön modellierte Babykörper aus Mischmasse ist gut erhalten. Der Babyjunge trägt ein maschinell gestricktes Unterhemd, bayrische Original-Lederhosen und darüber eine rote, weißgemusterte Jacke mit grünen Aufschlägen und beige Socken. Gekrönt wird die Ausstattung durch einen kecken kleinen Strohhut. Der Reiz an diesem Jungenpaar liegt in den Umsetzungen einer perfekten Jungenpuppe und einer genauso sorgfältig modellierten Babypuppe. Die charakteristischen Merkmale der Kopfmodellierung blieben bei beiden Versionen erhalten, das Baby in dieser Größe ist selten zu finden.

Charakterjunge 115

Der nun gezeigte Charakterjunge mit dem Namen „Philipp“ kam 1911 auf den Markt. Er trägt die Kennzeichnung K[Davidstern]R Simon & Halbig 115 A 68. Die Nummer 115 in dieser Größe ist sehr selten. Der ausdrucksvoll modellierte Biskuitkurbelkopf erhielt eine leb­hafte Gesichtstönung. Die in einem Strich gemalten kurzen Augenbrauen entsprechen der Haarfarbe. Die ausdrucksvollen blauen Schlafaugen mit dunkler Pupille und roten Augenwinkelinnenpunkten sind umrandet von einem fein gezeichneten Wimpernkranz. Die kräftig modellierte Nase zeigt rote Innenpunkte, der geschlossene volle Mund weist eine deutliche Schattierung auf. Über den großen, stark ausmodellierten Ohren fällt der Blick auf eine mittelbraune, volle Lockenperücke, die den Charme des Gesichtes noch erhöht. Der Kopf sitzt auf einem sehr gut erhaltenen Toddler-Körper, der Junge trägt komplett erhaltene alte Kleidung. Über der Unterwäsche eine weiße, langärmelige Seidenbluse mit Spitzenjabot und Stickerei, dazu eine dunkelblaue Trägerhose aus Wollstoff. Ergänzt wird die Kleidung durch fein gestrickte Kniestrümpfe und hellbraune Stiefel mit Pompons der Größe 16, nicht zu vergessen der fell­bezogene Schulranzen.

Die kleinere Version der Jungenpuppe „Philipp“ ist 38 Zentimeter groß, gemarkt K[Davidstern]R Simon & Halbig 115 A, gefertigt um 1911. Der hell getönte Biskuit-Kurbelkopf weist eine ausdrucksstarke detaillierte Modellierung auf mit ausgeprägter Kinnpartie. Der Junge hat schöne braune Schlafaugen mit schwarzen Pupillen, umgeben von einem fein gemalten Wimpernkranz. Die fein gestrichelten, bräunlichen Augenbrauen entsprechen der Haarfarbe. Die kurze, hellbraune Mohairperücke ist eine perfekte Ergänzung zu den großen, detailliert geformten braunen Schlafaugen. Die weich geformte Nase zeigt rote Nasenpunkte. Der geschlossene Mund ist in hellem Orange-Rot bemalt, die Wangentönung nimmt diesen Farbton auf. – Der Puppenjunge hat einen gut erhaltenen Stehbaby-Körper und trägt einen einfachen hellbraunen Trachtenanzug. Über dem fein gestricktem Unterhemd eine Dreiviertelhose mit grünen Trägern und grüner seitlicher Paspelierung an den Hosenbeinen. Die Ausstattung wird ergänzt durch die passende Jacke mit grünem Kragen, hellbeige Kniestrümpfen und braunen Lederschuhen. Die Botanisiertrommel ist ein besonderes Schmuckstück. Die Jungenpuppe 115 ist eine sehr beliebte Puppe. Die hier gezeigten Exemplare haben eine besondere Ausstrahlung mit individueller Ausprägung. Der große Puppenjunge ist beeindruckend in seiner Größe und Fertigung, der kleinere Bruder ist einfach liebenswert, ihn möchte man nicht mehr hergeben.

Erfolgskriterien

Wie dieser Vergleich ausgewählter Seriennummern in großer und kleiner Variante zeigt, legte die Firma Kämmer & Reinhardt großen Wert auf Qualität. Er wird hier deutlich in dem Vergleich von größeren mit kleineren Puppen verschiedener Seriennummern. Ausformung, Bemalung und Ausstattung ihrer Puppen erfolgten auf hohem Niveau, den Marktanforderungen entsprechend. Nur so konnte das Unternhemen ihren großen Erfolg erreichen und der zunehmenden Konkurrenz standhalten.

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