Bekleidete Skulpturen

Tatiana Baevas Kunstbegriff

3. September, 2012 - Kategorie: Aktuell, Puppenwelten
Bekleidete Skulpturen

Die russische Künstlerin Tatiana Baeva ist eine der ganz Großen der Szene. Seit 30 Jahren fertigt die Moskauerin Puppen. Mit beschränkten Mitteln, aber einer außergewöhnlichen autodidaktischen Begabung begann ihre Karriere im Jahr 1982. Heute kreiert sie Skulpturen, die Sammler auf der ganzen Welt begeistern.

Den Wunsch, Puppen zu machen, hegte Tatiana Baeva bereits in ihrer Kindheit. Als sie etwa fünf Jahre alt war, nahm ihr Vater sie mit zu einer internationalen Puppenausstellung in Moskau. Bis heute erinnert sie sich an diesen magischen Moment, als sie lauter erstaunliche, unbekannte Dinge zu sehen bekam. In ihrem ersten Aufsatz mit dem Titel „Was ich einmal werden will, wenn ich erwachsen bin“ schrieb sie dann, dass sie in einer Puppenmanufaktur ­arbeiten und dort Gesichter sowie Augen anmalen wolle. Dieser kleine Schulaufsatz geriet lange in Vergessenheit, bis ihr die Geschichte viele Jahre später wieder einfiel, als sie schon längst eine bekannte Puppenkünstlerin geworden war.

Menschliche Darstellungen

Tatiana Baeva war schon immer fasziniert von menschlichen Darstellungen, seien es Puppen, Skulpturen oder Masken. Ihre ersten Kunstwerke fertigte sie für ihre Kinder, und dazu kamen hin und wieder kleine Puppenprojekte für Freunde. „Zu Zeiten der Sowjetunion gab es kaum Material, geschweige denn Kurse. Ich experimentierte mit Stoff und Kleber.“ Auf diese Weise eignete sich die Künstlerin das erforderliche Wissen selber an.

Mit den politischen Veränderungen in ihrem Heimatland und dem Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete sich für Tatiana Baeva eine neue Welt: Plötzlich wurde der Austausch mit anderen Künstlern im Ausland möglich und sie lernte neue Materialien kennen, die ihr vorher nicht zugänglich waren. Im Jahr 1992 nahm sie zum ersten Mal an der Global Doll Convention in Köln teil und präsentierte ihre Werke der internationalen Öffentlichkeit. Sieben Jahre später, im Jahr 1999, wurde sie vom National Institute of American Doll Artists (NIADA) als eine der ersten ausländischen Künstlerin aufgenommen – eine große Ehre für die mittlerweile sehr erfolgreiche Russin.

Bekleidete Skulpturen

Als bevorzugten Werkstoff benutzt Tatiana Baeva seit 1991 Efaplast beziehungsweise Fimo Air Classic. Diese lufttrocknende Modelliermasse erlaubt ihr viele Freiheiten während des Arbeitsprozesses. „Ich liebe ihr Gewicht und ihre Textur, vor allem die Oberfläche, wenn sie getrocknet ist. Man kann sie entweder so lassen oder sehr fein polieren. Wie auch immer, die Oberfläche ist ähnlich beschaffen wie ein Blatt Papier, bereit, angemalt zu werden”, schwärmt sie und man spürt förmlich, wie es ihr dabei in den Fingern kribbelt.

Die Künstlerin selbst beschreibt ihre Objekte gerne als „bekleidete Skulpturen“. Sie repräsentieren menschliche Figuren, die realistisch modelliert sind. Tatiana Baevas Anliegen ist es, mit so wenig Mitteln wie nötig soviel Ausdruckskraft wie möglich zu erreichen. Details, Farben und Accessoires setzt sie reduziert und gezielt ein, um die Figur nicht zu überladen. Mit verschiedenen Maltechniken und Stilen verleiht sie ihren Puppen den indivi­duellen Charakter und ihrem Werk eine große Variabilität.

„Oft sagt man mir, meine Puppen sehen traurig aus, aber für mich sind sie einfach ruhig und in Gedanken versunken.“ So war es auch mit ihrer Puppe namens St. Petersburg. Er saß in ihrem Regal und alle Besucher sahen darin einen traurigen Mann, konzentriert auf sein Cello. „Eines Tages hatte ich eine neue, weibliche Puppe fertiggestellt. Meine Tochter kam vorbei, um sie sich anzuschauen. Als sie die Puppe sah, blickte sie gleich zu St. Petersburg hinüber – und, welch Überraschung – er lächelte. Ich bemerkte es ebenfalls und das war für mich der Beweis, dass auch Puppen eine Seele haben“, lächelt sie noch heute, wenn sie an diese Szene denkt.

Kunstform Puppe

Als freischaffende Künstlerin, die sich auch mit anderen Kunstrichtungen wie Quilts, Illustration und Fernsehprojekten beschäftigt hat, macht sich Tatiana Baeva viele Gedanken um die Kunstform Puppe: „Ich benutze gerne das Wort ‚Puppe‘, da es geläufig ist und ich kombiniere es mit ‚Kunst‘, wenn es angebracht ist. Oft ist es schwierig, meine Arbeit denjenigen zu beschreiben, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben und wenn ich keine Fotos zur Hand habe, um meine Arbeiten zu zeigen. Wenn ich sage, dass ich Puppen mache, muss ich immer umfangreiche Erklärungen dazu abgeben, wie sie aussehen. Manche Künstler bezeichnen ihre Puppen als figurative Kunst, ein Begriff, der sich immer mehr durchsetzt – aber ich bin mir nicht sicher, ob er so klar und eindeutig ist. Dennoch – in diesem Bereich ist ein derart starkes Wachstum und eine so gewaltige Bandbreite zu verzeichnen, dass wir auch eine begriffliche Unterscheidung benötigen. Das ist aber nicht so einfach, denn diese Begriffe müssten natürlich international anerkannt und in mehrere Sprachen übersetzbar sein.“

Eine weitere wichtige Frage, über die die Künstlerin häufig sinniert, ist, wo die Puppenkunst beginnt und wo sie aufhört. Sie wünscht sich, dass diese Diskussion auch dazu führt, dass sich mehr Menschen für dieses Genre interessieren und es als gleichberechtigte Form innerhalb der bildenden Künste anerkennen. Das würde auch zu neuen Ausstellungsmöglichkeiten führen, ist sie sich sicher. „Das Ziel ist es, dass wir unsere Kreationen gemeinsam mit anderen Formen der großen Kunst ausstellen können.“

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